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Milieustudie des Sinus-Instituts:Jugend unter Druck

Nicht lange trödeln, flexibel sein, den richtigen Zeitpunkt für die Familienplanung erwischen: Jugendliche heute fühlen enormen Druck. Das ergab eine aktuelle Milieu-Studie. Im Umgang mit den hohen Erwartungen unterscheiden sich die Jugendlichen allerdings deutlich.

Politikverdrossen und wild auf Konsum? Oder total vernetzt und ökologisch korrekt? Teenager verbindet heute angesichts hohen Leistungsdrucks und einer unsicheren beruflichen Zukunft eine Sehnsucht nach Freundschaft, Familie und Sicherheit. Auch teilen viele von ihnen eine pragmatische Einstellung. Doch eine neue Studie zeigt: Ihre Lebenswelten unterscheiden sich immens: Das Spektrum reicht vom lifestyle- und erfolgsorientierten Networker über die anpassungsbereite, pragmatische Mitte bis hin zu sozial benachteiligten Jugendlichen.

Sinus Milieus Jugendstudie 2012 bpb

Die 14- bis 17-Jährigen gehören verschiedenen Milieus an, die sich teils stark voneinander unterscheiden.

(Foto: Sinus Markt- und Sozialforschung)

Die Studie wurde im Auftrag von sechs kirchlichen und gesellschaftspolitischen Institutionen vom Sinus-Institut durchgeführt. In 72 ausführlichen Interviews wurden Jugendliche zu ihren Werten und Einstellungen befragt. Von den Antworten ausgehend identifizierten die Forscher sieben Milieus oder "Lebenswelten", die sich zum Teil deutlich unterscheiden.

"Da gibt es eine deutliche Abgrenzung aus der gesellschaftlichen Mitte nach unten", sagt Studienautor Marc Calmbach. Dieses Phänomen sei in den am Mittwoch vorgestellten Ergebnissen deutlicher zu erkennen als in der ersten, kleineren Sinus-Studie von 2008. "Wir fragen in den Interviews ja nicht bewusst danach, aber es gab viele Bemerkungen, die Jugendliche von sich aus machten", sagt Calmbach. Aus diesen Anmerkungen geht hervor, dass gerade Jugendliche aus der Mittelschicht Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg und vor Überfremdung haben und deswegen versuchen, sich nach unten hin abzugrenzen. Sie werfen ihren benachteiligten Altersgenossen auch vor, nicht genügend leistungsbereit zu sein.

Nicht lange rumtrödeln, flexibel sein, den richtigen Zeitpunkt für die spätere Familienplanung erwischen: Diesen Druck spüren alle Jugendlichen. Doch sie gehen höchst unterschiedlich und - mit Ausnahme der sozial Benachteiligten - in der Regel "erfolgsoptimistisch" damit um, befanden die Autoren. Steht bei den Experimentierern oder Lifestyle-Orientierten dabei eher die Selbstverwirklichung im Vordergrund, so halten die "Sozialökologischen" oder Konservativ-Bürgerlichen auch durchaus gesellschaftliche Verantwortung und Gemeinwohl hoch.

Spontaneität ist der experimentierfreudigen Spaßfraktion besonders wichtig, während junge Konservative und die pragmatische Mitte oft schon sehr genau wissen, wie ihr Leben laufen soll. Auch mit Blick auf Schule oder Politikinteresse sind die Vorstellungen divers: "Wahlen ist ja Politik, deswegen können die ja auch nix verändern", sagte eine 14-Jährige aus der konsumorientierten Gruppe. Eine 16-Jährige "Sozial-Ökologische" meinte hingegen: "Das guck' ich mir dann genauer an, wofür die stehen, was die da vorhaben, bevor ich da was ankreuz', was jeder ankreuzt."

"Die stehen mit dem Rücken zur Wand"

Was die Schule angeht, haben einige Jugendliche sehr konkrete Verbesserungsvorschläge und wünschen sich empathische, gerechte Lehrer. Desillusionierte Altersgenossen aus prekären Verhältnissen hingegen benennen nicht einmal Wünsche dazu. "Die stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Studienautor Calmbach.

"Die Studie bestätigt, dass wir unbedingt Zielgruppen-spezifische Ansätze für Jugendarbeit und auch für die Vermittlung von Lernstoff brauchen", kommentiert Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die Ergebnisse. "Viele Jugendliche stehen unter einem hohen Druck, ihr Leben immer früher planen zu müssen", ergänzte Dirk Tänzler vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend. "Aber sie sollen nicht nur effizient und nützlich sein. Diese Studie ist auch ein Plädoyer dafür, Jugend einfach jung sein zu lassen."

© Süddeutsche.de/dpa/leja/okl
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