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Mexiko:Ab durch die Klappe

Joaquín Guzmán, einer der mächtigsten Drogenbosse der Welt, ist auf spektakuläre Weise aus einem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis geflohen. Das Land ist in Aufregung.

Man darf gespannt sein, was die Bänkelsänger des Todes darauf wieder dichten werden. Drogenbarone in Mexiko halten sich ja nicht nur Armeen von Meuchelmördern, Hofschranzen und Helfershelfern in Politik und Justiz - sie haben auch Sänger, die ihre Taten verherrlichen, der Polizei und dem jeweils regierenden Präsidenten zum Spott. Über Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", der Kurze, gibt es die meisten Lieder, kein Wunder, er ist Staatsfeind Nummer eins und hat diesen Ruf durch seinen Ausbruch aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano am Wochenende untermauert.

Nach Guzmáns Verhaftung 2014 hatte der Sänger Osiris Valencia in seiner "Corrida del Chapo" gesungen: "Ich bin im Leben oft gestürzt - aber immer wieder aufgestanden." Das waren prophetische Worte: "El Chapo" ist im aufrechten Gang entkommen, durch einen Tunnel aus einem Gefängnis, das von der Regierung als ausbruchsicher gerühmt wurde. Dort sitzen die übelsten und brutalsten Verbrecher Mexikos, und das will einiges heißen. "El Chapo" Guzmán hat seine Flucht in einer Weise organisiert, die nur als Verspottung der Justiz bezeichnet werden kann.

1,5 Kilometer lang ist der Tunnel, elektrisch beleuchtet und gut belüftet. Ein auf Schienen montiertes Motorrad transportierte Aushub und Werkzeug an und ab. Der Schacht begann in einem einsam gelegenen Rohbau mit Küche und Schlafraum für die Tunnelbauer. Auf der anderen Seite endete er direkt unter der Dusche Guzmáns im Knast. Und das, obwohl er in einer videoüberwachten Zelle lebte. Er brauchte nur eine Bodenplatte heben - und weg war er. 1,70 Meter Tunnelhöhe waren mehr als komfortabel, denn Guzmán misst nur 1,55 Meter, das ist selbst für mexikanische Verhältnisse kurz. Doch wie gigantisch sein Einfluss ist, das hat diese Aktion belegt. Wie sang schon José Eulogio Hernández, genannt das "Hengstfohlen von Sinaloa": "Von Kopf bis Fuß mag er ja kurz sein. Doch seine wahre Größe misst sich an der Entfernung seines Kopfes zum Himmel, er ist der Größte unter den Großen."

Nun ist "El Chapo" also wieder der meistgesuchte Verbrecher der Welt, die unumschränkte Nummer eins aller internationalen Fahndungslisten seit der Tötung von Osama bin Laden. Die Polizei reagierte hektisch, am Flughafen der nahe gelegenen Stadt Toluca wurde der Flugbetrieb vorübergehend eingestellt, landesweit wurden Straßensperren eingerichtet - erst mal vergeblich. Das Geschick von Guzmán bestand ja stets darin, seine Verfolger auszutricksen, mit Verkleidungen, Verbindungen und vor allem Geld. Der Chef des Sinaloa-Kartells unterhielt Luft- und Seeflotten zum Drogentransport. Laut US-Behörden erstreckt sich sein Imperium über zehn Staaten, es soll 288 Deck-Firmen geben mit Tausenden Mitarbeitern. Mit konkurrierenden Banden liefert sich das Kartell seit Jahren einen blutigen Krieg, in dem Guzmán stets die Oberhand behielt.

2001 ist Guzmán schon mal geflohen. Danach war er 13 Jahre lang flüchtig

Sein Kokain-Imperium, das Milliarden und Abermilliarden umsetzt, hat ihn zu einem der reichsten Männer der Welt gemacht, sein persönliches Vermögen schätzt die Zeitschrift Forbes auf eine Milliarde Dollar. In den rauen Bergen im Norden Mexikos herrscht er wie ein mittelalterlicher Feudalherr, staatliche Strukturen sind dort nur Randerscheinungen, der Clan hat das Sagen, er gibt und nimmt, und der absolutistische Herrscher des Clans war und ist "El Chapo". Wenn er erst mal wieder in seinen Bergen sei, werde es ganz schwer, ihn zu fangen, warnte der frühere Einsatzleiter der US-Drogenfahndung DEA, Mike Vigil, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP, "weil er den Schutz der Dorfbewohner genießt". Guzmán ist einer von ihnen, er fing als Orangenverkäufer an, bis er sich hochmordete und hochdealte. Für so manchen armen Campesino ist so jemand ein Vorbild.

13 Jahre hatten die mexikanischen Behörden gebraucht, um den Kurzen zu fassen, nachdem er 2001 das erste Mal aus einem Knast entkommen war. Damals versteckte er sich noch in einem Lieferwagen unter Dreckwäsche, also weniger komfortabel als diesmal, aber da war er ja auch noch nicht der mächtigste Mann Mexikos. Auf der Forbes-Liste der weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten rangiert der inzwischen 60-jährige "El Chapo" seit Jahren weit vor den mexikanischen Präsidenten, was schon den früheren Staatschef Felipe Calderón zu Wutausbrüchen hinriss.

Die Folgen, die die Flucht haben wird, sind politisch noch gar nicht abzusehen. Der aktuelle Präsident Enrique Peña Nieto, der die Festnahme 2014 als größte Errungenschaft seiner Amtszeit pries, steht komplett blamiert da, die Presse schimpft ohne Übertreibung von "weltweiter Schande". Dazu kommt, dass der Präsident sich zum Fluchtzeitpunkt gerade mit Hofstaat auf Dienstreise in Frankreich befand, und es nicht für nötig hielt, die Reise zu unterbrechen. "Ein Gangster bestimmt nicht unsere Außenpolitik", verkündete Peña Nieto großspurig. Der linke Oppositionschef Andrés Manuel López Obrador hielt ihm entgegen: "Kommen Sie zurück, Präsident, Mexiko verkommt zur Lachnummer." Die konservative Partei PAN sprach von "nationaler Schande", was die Gefühlslage der meisten Mexikaner am besten wiedergab.

Guzmán muss einflussreiche Helfer gehabt haben, viele sehr einflussreiche Helfer. Dutzende Funktionäre werden derzeit verhört. Die Ermittler wollen herausfinden, wie der Chef des Sinaloa-Kartells etwa an die Baupläne des Gefängnisses kam, diese unterliegen eigentlich höchster Geheimhaltungsstufe. Generalstaatsanwältin Arely Gómez sagte, sowohl Beamte als auch Besucher stünden unter Verdacht. Alarmiert hat die Flucht die USA, wohin ja der Großteil von Guzmáns Ware geht, ohne diesen Absatzmarkt wäre "El Chapo" Guzmán ein Bergbandit geblieben. US-Justizministerin Loretta Lynch bot dem südlichen Nachbarland Hilfe bei der Fahndung an. In der Tat war in den USA ein Auslieferungsersuchen diskutiert worden, denn auch dort ist einiges gegen Guzmán anhängig. Doch man verzichtete darauf, auch mit Rücksicht auf die nationalen Gefühle des Nachbarlandes. Im Januar sagte der damalige mexikanische Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam reichlich hochnäsig, Guzmán müsse erst mal seine komplette Strafe in Mexiko absitzen, bevor man über Auslieferung nachdenke, "also ungefähr 300 oder 400 Jahre".

Bis jetzt waren es 17 Monate. Wirklich ein gutes Thema für einen Song.

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