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Mängel in der Schweinemast:Würmer und Keime im System

Der Stress durch die Enge in den dicht besetzten Ställen tut ein Weiteres, um das Immunsystem der Tiere zu beeinträchtigen. Doch woher kommen die Parasiten, deren Existenz spätestens anhand der Leberschäden nachweisbar ist? Schließlich existieren all diese Schweine in einem geschlossenen Kreislauf, weder sie selbst noch ihre Mütter haben je in der Erde gewühlt, auf einer Wiese gegrast oder sich im Schlamm gesuhlt. Sie werden auf Beton besamt, geboren, aufgezogen und geschlachtet. Doch diese Parasiten, meist Magen- und Darmwürmer oder deren Vorstadien, stecken "im System", wurden irgendwann einmal eingeschleppt, überdauern in Böden und Spalten und sind mit den üblichen Routinen der Stallreinigung und Desinfektion nicht mehr herauszukriegen.

Doch nicht nur Würmern sind die Tiere ausgesetzt. Keime finden sich nicht zuletzt im Trinkwasser, das bei Ferkeln wie ausgewachsenen Schweinen stark belastet ist. Iris Kobusch und Marc Boelhauve vom Fachbereich Agrarwirtschaft der Fachhochschule Soest haben 190 Wasserproben aus 23 Betrieben untersucht. Für die Wasserversorgung von Ferkeln gelten dieselben Anforderungen wie für menschliches Trinkwasser; doch ergab die Laboruntersuchung, dass bereits "im Ferkelbereich knapp 80 Prozent der Tränken zu hohe Keimbelastungen aufwiesen", schreibt Boelhauve für Schweinezucht und Schweinemast (1/2013).

Die empfohlenen Grenzwerte für ältere Tiere liegen zehnmal höher als für junge Tiere. Zudem gibt es einen noch zulässigen Übergangsbereich für "mäßig geeignetes" Tränkwasser, das den Grenzwert für Trinkwasser sogar hundertfach überschreiten darf. Doch "selbst dieser mäßig geeignete Bereich war in 17 Prozent der Proben überschritten".

Meist wäre dieses Problem bereits dadurch zu lösen, dass die Tränken regelmäßig gesäubert würden. Wie drastisch die Verschmutzung dennoch oft ist, lässt sich an Boelhauves Empfehlungen ersehen: "Ein relativ einfaches Verfahren ist, eine Probe des Tränkwassers von einem äußerlich sichtbar sauberen (!) Tränkepunkt in ein durchsichtiges Gefäß/Flasche zu füllen und sich im (Taschenlampen-)Licht die Reinheit des Wassers anzuschauen." Bei den meisten Tränken erkennt man die Verschmutzung durch Keime also bereits mit bloßem Auge. Wenn man denn hinsieht.

Mangel an frischem, klaren Wasser

Das Leben im eigenen Kot, die ätzende Stallluft und die Verschmutzung und Keimbelastung des Tränkwassers ist kein Problem allein der Schweinezucht. Dasselbe gilt auch für Legehennen und Mastgeflügel. Die Zeitschrift DGS - Das Magazin für Geflügelwirtschaft und Schweineproduktion hat dem Thema Tränkwasserhygiene in der Geflügelhaltung in einer neueren Ausgabe (18/2013) einen Beitrag gewidmet. Er ist mit "Klares, frisches Wasser" betitelt - für Branchenfremde ernüchternd zu erfahren, dass das in der modernen Tierhaltung offenbar keine Selbstverständlichkeit ist.

Teils kann man den Problemen auch beim Geflügel mit mehr Hygiene und besserem Stallmanagement begegnen, irgendwann aber stoßen solche eher technischen Maßnahmen an ihre Grenzen. Insofern ist die weit verbreitete Forderung nach geringerem Antibiotika-Einsatz zwar richtig, bleibt aber auch etwas wohlfeil, solange sie nicht von einem grundlegenden Systemwandel in der Tierhaltung begleitet wird. Denn Intensivtierhaltung bedeutet nun einmal die Haltung von vielen (gestressten) Tieren auf engstem Raum, mit effizienten Arbeitsabläufen, also wenig Betreuungsaufwand durch den Landwirt. Da liegt es nahe, den hohen Keimdruck mit Antibiotika, teils sogar "vorbeugend", bekämpfen zu wollen, und genau das führt auf Dauer eben zu den so gefürchteten Resistenzen. Um sich mit solchen resistenten Keimen nicht zu infizieren, empfiehlt das Robert-Koch-Institut privaten Haushalten seit Längerem, "vor allem Hähnchenfleisch nur stark erhitzt zu essen und beim Verarbeiten Einmalhandschuhe zu tragen".

Im Großen und Ganzen führen die Kontrollsysteme auf den Schlachthöfen und bei der Weiterverarbeitung und dem Handel dazu, dass von Fleisch, zumindest im gekochten Zustand, keine Ansteckungsgefahren ausgehen. Und so erreichen Informationen über das chronische gesundheitliche Leid der Tiere selten den Konsumenten. Oft sind diese Tiere eben auf eine Weise chronisch oder akut krank gewesen, dass es den Konsumenten nicht (direkt) schadet. Nach der Beurteilung durch Veterinärmediziner kann man die zum Verkauf freigegebenen Körperteile von ehedem chronisch lungen- oder herzkranken Tieren bedenkenlos essen. Aber will man?

© SZ vom 14.08.2013
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