Trauerfeier für CDU-Politiker Wenn das Unfassbare das letzte Wort hat

Bundeswehrsoldaten stehen am Sarg von Walter Lübcke. Der CDU-Politiker wurde mit einem Kopfschuss auf der Terrasse seines Hauses getötet.

(Foto: dpa)

"Wer war es?", das ist die Frage, die fast jeden der Trauergäste bewegt, die in Kassel von Walter Lübcke Abschied nehmen. Bislang spricht nicht viel dafür, dass die Polizei in dem mysteriösen Fall eine heiße Spur hat.

Von Susanne Höll, Kassel

Die Martinskirche ist mit ihren grünen Turmspitzen ein Wahrzeichen Kassels. Das Original wurde im 14. Jahrhundert erbaut, im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört, wieder errichtet und war dann das größte Gotteshaus der Stadt. An diesem Donnerstag war für den Nachmittag ursprünglich ein Konzert geplant, die Orgel von Sankt Martin ist ein herausragendes Instrument. Die Veranstaltung musste abgesagt werden, stattdessen wird getrauert - um den ebenso bekannten wie beliebten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der vor knapp zwei Wochen unter mysteriösen Umständen auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha aus naher Distanz erschossen worden war.

Der Andrang ist groß an diesem sonnigen Nachmittag. Mehr als 1000 Menschen fasst die Kirche, nicht alle finden Platz. Auf dem schattigen Areal vor dem Gotteshaus sitzen die Leute eng gedrängt, die Feier wird auf einer Filmleinwand übertragen. Das gesamte hessische Kabinett ist nach Kassel gekommen, erster Redner ist Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Lübcke war sein Parteikollege, sein Weggefährte und sein Freund. "Er war beliebt, aber nicht beliebig", mit diesen Worten würdigt Bouffier den Toten, erinnert an dessen demokratisches Engagement und seine Bürgernähe. Über die rätselhaften Umstände der Bluttat spricht er nicht.

"Er war beliebt, aber nicht beliebig". Für Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) war Lübcke Parteikollege, Weggefährte und Freund.

(Foto: AFP)

Auch der älteste Sohn Lübckes, Christoph, meidet das Thema. Mit zuletzt tränenerstickter Stimme erinnert er sich an den Vater. Es bleibt Bischof Martin Hein überlassen, die Umstände des Todes zu benennen. Am Sarge Lübckes, bedeckt mit der hessischen Landesfahne und flankiert von einer Ehrengarde aus Soldaten und Polizisten, formuliert er die Frage nach dem Täter, die fast jeden im Kirchenraum bewegt: "Wer war es?"

Der Bischof erinnert auch an die tiefe Gläubigkeit Lübckes, die ihn für die Rechte von Flüchtlingen eintreten ließ. In mitunter giftigen Kontroversen mit populistischen Zeitgenossen über die Asylpolitik in Deutschland ergriff er Partei für die Schutzsuchenden. Und erklärte Pöblern auch schon mal, dass kein Einheimischer gezwungen sei, in Deutschland zu bleiben, wenn ihm oder ihr die Dinge missfielen. Den Rechtsradikalen hat das nicht gefallen. Nach Lübckes Tod jubelten Hetzer im Internet. Sie müssen nun mit Besuchen von Polizei und Staatsanwälten rechnen.

Die Ermittler vermuten, entgegen öffentlichen Spekulationen über einen Mörder aus dem rechtsextremen Lager, den Täter bislang im privaten Umfeld des 65-Jährigen. Sie hätten sicher gern schon einen Verdächtigen präsentiert, schließlich ist der Tod Lübckes der aktuell brisanteste Kriminalfall in Hessen. Der Regierungspräsident war ein Mann des öffentlichen Lebens. Die schwarz-grüne Landesregierung in Wiesbaden beäugt die Ermittlungen kritisch. "Die Fahnder sind alle nervös, klar", sagt einer aus dem Sicherheitsapparat, der es wissen muss.

Etwa 50 Beamte arbeiten in einer Sonderkommission. Erfolg war ihrem Leiter Daniel Muth und seinen Leuten bislang aber nicht beschieden. Dafür mussten sie die Erfahrung machen, dass es aus den eigenen Reihen Indiskretionen gab, die, wie Staatsanwaltschaft und Polizei nun beklagen, die Ermittlungen gefährden.

Ihr Ziel erreichte die Sprachkosmetik der Behörden nicht

Am Pfingstsamstag war ein Mann auf einem Parkplatz am Nordseefährhafen Harlesiel in Niedersachsen festgenommen und verhört worden. Wenige Stunden später wurde die Aktion publik, in einem Medienbericht wurde ein Ermittler mit den Worten zitiert, man sei sich sicher, den Täter zu haben. Kurze Zeit später war der Mann mangels dringenden Tatverdachts wieder auf freiem Fuß. Und die Fahnder bemühten sich, die Aktion kleinzureden. Ein Mann sei kurzzeitig "in Gewahrsam" genommen worden. Das hört sich harmloser an. Angeblich diente diese Sprachregelung dem Schutz des Mannes und der Wahrung seiner Rechte.

Ihr Ziel erreichte die Sprachkosmetik der Behörden jedoch nicht. In etlichen Medien war nach Pfingsten nachzulesen, dass der zumindest zwischenzeitlich Verdächtige jener Sanitäter und Bekannte eines der Lübcke-Söhne war, der in der Tatnacht auf Bitten der Familie zum Haus eilte, Erste Hilfe leistete und dabei wohl Blutspuren veränderte. Selbst sein Vorname wurde publiziert, auch ein Bild seines Wohnhauses. Das gehöre sich nicht, schimpfen die Fahnder.

Bislang spricht nicht sehr viel dafür, dass die Beamten eine heiße Spur haben. Bischof Hein drückt am Ende seiner Ansprache die Hoffnung vieler Trauergäste und Bürger aus, als er sagt: "Wir hoffen inständig, dass sich das Verbrechen aufklären lässt und nicht das Unfassbare das letzte Wort hat."

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