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Schallschutz:"Der Lärm macht uns krank"

Flugzeug beim Landeanflug auf den Flughafen Düsseldorf International DUS Häuser im Stadtteil Lohau

Muss der Staat seine Bürger, wie hier in Düsseldorf-Lohausen, besser vor Lärm schützen?

(Foto: imago images / Jochen Tack)

In vielen Städten fehlen Konzepte gegen den Lärm. Vorschriften gelten außerdem meist nur, wenn Häuser und Wege neu gebaut werden. Doch jeder kann etwas gegen den steigenden Geräuschpegel tun.

Lärm sei ein Umweltgift, sagt der Vorsitzende des Arbeitsrings Lärm (ALD), Michael Jäcker-Cüppers. Bis 2009 arbeitete der Ingenieur beim Umweltbundesamt, seit 2001 lehrt er an der Technischen Universität in Berlin. Er erklärt, warum die Bürger von der Politik nicht genügend gegen Lärm geschützt werden.

SZ: Sie bezeichnen Lärm als Umweltgift. Warum das denn?

Michael Jäcker-Cüppers: Lärm macht uns krank. Das Fatale ist, dass sich das erst nach Jahren bemerkbar macht, aber dann nicht auf den Lärm zurückgeführt wird. Wer denkt schon bei einem Herzinfarkt daran, dass der durch Lärm mitverursacht sein könnte? Laut den regelmäßigen Umfragen des Umweltbundesamtes fühlen sich viele Leute durch Lärm belästigt. Straßenverkehr nervt fast acht von zehn Leuten, Gewerbelärm oder Flugzeuglärm mehr als vier von zehn und Schienenverkehr mehr als jeden Dritten. Dass der Staat die Bevölkerung genügend gegen Lärm schützt, kann man bei diesen Zahlen nicht gerade sagen.

Warum spielt das Thema Lärm bei vielen Politikern keine große Rolle?

Weil ihnen das Problem offenbar nicht genügend bewusst ist, weil es keine entsprechenden Gesetze gibt und weil andere Prioritäten gesetzt werden. Das zentrale Problem ist: Nur wenn Straßen oder Eisenbahnstrecken neu gebaut oder wesentlich geändert werden, müssen Grenzwerte eingehalten und Schallschutzmaßnahmen getroffen werden - etwa Lärmschutzwände. Die meisten wohnen aber an Straßen oder Eisenbahnstrecken, die es schon lange gibt. Und dann hat man keinen Rechtsanspruch auf Schutz gegen den Verkehrslärm - selbst dann, wenn der Verkehr und damit der Lärm über die Jahre erheblich zugenommen haben. Auch dass Autos, Züge, Flugzeuge oder Baumaschinen einen bestimmten Lärmpegel nicht überschreiten dürfen, gilt nur für neue Produkte. Beim Schienenverkehr gibt es zumindest einen Lichtblick, weil ab dem Fahrplanwechsel 2020/2021 keine lauten Güterwagen in Deutschland mehr verkehren dürfen. Vergleichbares passiert beim Straßen- oder Flugverkehr nicht.

Der Bund stellt doch jedes Jahr viele Millionen Euro zur Verfügung. Woran hakt es denn?

Die Lärmsanierungsprogramme des Bundes sind natürlich gut, aber für die überwiegende Zahl der kommunalen lauten Straßen gibt es nur wenig Geld. Die Kommunen sollen eigentlich auch gemäß der Europäischen Richtlinie zum Umgebungslärm eigene Lärmaktionspläne aufstellen. Das diesbezügliche Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Deutschland zeigt aber, wie wenig die Richtlinie bisher umgesetzt wurde. Ein weiteres Problem ist, dass sich die Politiker die schlichte Frage nicht stellen: "Wie laut ist es vor dem Haus?"

Das Lärmproblem ist Politikern offenbar nicht genügend bewusst, sagt Michael Jäcker-Cüppers, der Vorsitzende des Arbeitsringes Lärm.

(Foto: Privat)

Wie meinen Sie das?

Bislang werden bei der Lärmbekämpfung die einzelnen Quellen - mit wenigen Ausnahmen - separat behandelt. Also zum Beispiel, wie laut ist die Straße oder wie laut ist die Eisenbahn. Wie viel Lärm beides zusammen macht, wird nicht berücksichtigt - im Gegenteil. Oftmals wird argumentiert, dass bei ohnehin schon lauten Situationen bei einer hinzukommenden Lärmquelle lockerere Grenzwerte eingehalten werden müssen. Das finde ich nicht akzeptabel. Viele Städte haben kein Konzept gegen den Gesamtlärm. Zwar setzen die Kommunen durchaus Schutzmaßnahmen um oder streben das an - etwa Tempo-30-Zonen oder Schallschutzwände -, aber sie kümmern sich zu wenig um den Freizeitlärm. Städte fördern aus ökonomischen Gründen Tourismus und Eventkultur, ohne sich ein entsprechendes Schutzkonzept für die Bürger überlegt zu haben. So schön Stadtfeste sind: Nur wenige machen sich klar, wie sehr man unter dem tagelangen Lärm leidet. Wir vom Arbeitsring Lärm wünschen uns, dass die Politiker sich der Lärmproblematik bewusster werden und die Gesetze so ändern, dass die Bevölkerung vor dem Gesamtlärm geschützt wird.

Und was macht bis dahin der lärmgeplagte Bürger?

Kinderzimmer und Schlafräume möglichst weit weg von Straße oder Schiene und Schallschutzfenster einbauen. Letztere halte ich aber für eine Notlösung. Wer möchte schon in einer Wohnung wohnen, deren Fester immer geschlossen bleiben müssen? Mit den Hamburger Hafencity-Fenstern ist es zwar im gekippten Zustand leiser, aber auf dem Balkon, der Loggia und vor dem Haus bleibt es laut. Wir sind aber auch mit schuld am zunehmenden Lärm.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Inwiefern?

Durch unsere Lebensweise. Wir fahren mit dem Auto zum Supermarkt oder Bäcker, kaufen online ein und lassen uns die Sachen liefern, fliegen schnell mal über das Wochenende weg, und jedes Jahr muss es eine Fernreise sein. Wie wäre es, mal zu Fuß zum Einkaufen zu gehen oder mit dem Rad zu fahren oder mit dem Zug Europa zu entdecken? Wenn das Autofahren unumgänglich ist: Niedertourig und vorausschauend fahren, Geschwindigkeitslimits einhalten, Carsharing erwägen. Ein ressourcenschonender Lebensstil verursacht nicht nur weniger Lärm, sondern spart auch Geld.

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