Kriegsflüchtlinge im Kosovo Auf der Suche nach Frieden

Sie leben von 1,55 Euro am Tag, sie hausen in verfallenen Häusern. Mit Plastikplanen schützen sie sich vor der Kälte. Auch Jahre nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien sind immer noch Hunderttausende auf der Flucht. Ein Besuch bei Familie Jonuzi in Pristina.

Von Florian Hassel

Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass Sabedin und Ibadete Jonuzi sich nicht auf den Frühling freuen. Gewiss, wenn es im März oder April wärmer wird, pfeift endlich keine eiskalte Winterluft mehr durch das mit Plastik nur notdürftig verhüllte Loch im Wohnzimmerfenster. Doch je näher der Frühling rückt, desto wahrscheinlicher ist auch, dass die Jonuzis und ihre vier Kinder ihre Wohnung im Zentrum von Kosovos Hauptstadt Pristina verlieren und auf der Straße landen, direkt neben dem Rathaus und nur 200 Meter neben dem glänzenden Neubau des Premierministers.

Die Geschichte der Jonuzis ist nicht ungewöhnlich; jedenfalls nicht in Kosovo und den Nachbarländern, in denen immer noch Hunderttausende Flüchtlinge der Kriege im ehemaligen Jugoslawien auf Rückkehr, ein neues Heim oder den Aufbau einer neuen Existenz hoffen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) schätzt ihre Zahl in Serbien, Mazedonien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Kosovo auf 433 437 Menschen. Allein durch den Krieg in Kosovo sind, vierzehn Jahre nach seinem Ende, noch 235 000 Menschen Flüchtlinge. Die weitaus meisten sind Serben, die nach dem Eingreifen der Nato ihrerseits von Kosovo-Albanern vertrieben wurden oder aus Angst flohen. Doch auch Albaner hoffen oft vergeblich auf einen Wiederaufbau.

Die Jonuzis sind beide 27 Jahre alt, als sie sich Anfang 1999 das Jawort geben und im Dorf Dumnica nahe Podujevo im Nordosten Kosovos zusammenziehen. Sie leben arm, doch ungestört. Sie haben weder Telefon noch Auto, doch immerhin Strom, bauen etwas Getreide an und verkaufen auf dem Markt von Sabedin geschlagenes Holz. Das Eheglück währt nur kurz: Im Frühjahr 1999 lässt Serbiens damaliger Machthaber Slobodan Milosevic die Albaner aus Kosovo vertreiben. Als im Juni 1999 Nato-Soldaten im Kosovo einziehen, ist der Krieg auch für die Jonuzis zu Ende. Als sie in ihr Dorf zurückkehren, ist ihr Haus nur noch eine Ruine aus Asche, wie rund hundert andere allein in Dumnica. Insgesamt werden in Kosovo mehr als 40 000 Häuser zerstört.

Die Jonuzis ziehen nach Pristina, in ein verfallenes, leer stehendes Haus. 2003 wird es verkauft und abgerissen. Die nächste Unterkunft: einer der Metallcontainer, die Russland nach dem Krieg als Notquartiere gespendet hat. Ein Jahr später wird das Containerdorf aufgelöst - freilich ohne vorher für neuen Wohnraum zu sorgen. Sabedin und Ibadete Jonuzi haben Glück im Unglück. Eine Bekannte erzählt, dass in einem Haus im Zentrum von Pristina eine Wohnung frei ist. Die bietet den Jonuzis jetzt seit gut acht Jahren Obdach. Im knapp zehn Meter großen Wohnzimmer stehen immer noch ein weißer Kachelofen und eine verschlissene Sitzgarnitur, die die vorherigen Bewohner zurückgelassen haben. Über dem Sofa hängen gerahmte Fotos der vier Jonuzi-Kinder an der Wand. Abends, wenn die Kinder ihre Hausaufgaben gemacht haben, wird das Wohn- zum Schlafzimmer der sechs Familienmitglieder. Am Tag sitzt Vater Sabedin auf dem Sofa und grübelt.