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Mordverdacht in Kita:Ministerium fordert Bericht von Landesjugendamt

Mordverdacht in Kita

Bei den Ermittlungen gegen eine wegen Mordes an einem dreijährigen Kita-Kind verdächtigen Erzieherin sind die Behörden auf weitere Vorfälle in der beruflichen Vergangenheit der Verdächtigen gestoßen.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

In ihren ersten Wochen als Erzieherin wurde sie für ungeeignet befunden, immer wieder kam es zu seltsamen Vorfällen mit Kindern. Wie konnte Sandra M. dann drei Jahre in Kitas arbeiten? Der Tod einer Dreijährigen in Viersen wirft viele Fragen auf.

Wieso hat niemand Sandra M. gestoppt? Nach dem Mordverdacht gegen die Erzieherin und einer möglichen Serie weiterer Gewalttaten in Kitas sind viele Frage offen - und der Druck auf die Behörden wächst: "Sollten sich die schrecklichen Vorwürfe bewahrheiten, muss auch im Detail vor Ort der Frage nachgegangen werden, ob ernsthafte Frühwarnzeichen ignoriert wurden und ob die Vorfälle dem zuständigen Jugendamt nicht gemeldet und keine Anzeigen erstattet wurden", teilte das NRW-Familienministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Die Vorfälle müssten gründlich und umfassend aufgeklärt werden. Das zuständige Landesjugendamt sei um einen Bericht gebeten worden. "Der Verdacht gegen die 25-Jährige wiegt schwer und ist unerträglich", teilte das Ministerium mit. "Unser Mitgefühl gilt den Eltern und Angehörigen."

Die dreijährige Greta war aus einer Kita, in der die Verdächtige Sandra M. im niederrheinischen Viersen als Erzieherin gearbeitet hatte, im April mit Atemstillstand in eine Klinik eingeliefert worden und später gestorben. Die Obduktion ergab massive Hirnschäden durch Sauerstoffmangel.

Wie Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag in Mönchengladbach berichteten, sind die Behörden auf weitere Vorfälle in drei früheren Kindergärten gestoßen, in denen die als "wenig geeignet" eingestufte Erzieherin tätig war. Die Vorfälle ereigneten sich seit 2017 in Kempen, Tönisvorst und Krefeld. Immer, wenn Sandra M. Dienst hatte.

Die Stadt Kempen hat nach einem früheren Dementi eingeräumt, dass es vier Vorfälle in der Kita gab, in der die Erzieherin gearbeitet hat. Vier Mal sei der Notarzt gerufen worden, weil ein Kind über Atemnot geklagt habe, berichtete ein Sprecher. Es seien wie vorgeschrieben Unfallanzeigen über das Jugendamt an die Unfallkasse geleitet worden. Diese seien auch nicht zu beanstanden. "Es lagen keine Anzeichen vor, in eine andere Richtung zu denken", hieß es.

Kita-Verband: Zeugnisse von Erziehern letztlich "Makulatur"

Von August 2017 bis Juli 2018 absolvierte Sandra M. in einer Kita in Krefeld ihr Anerkennungsjahr. Schnell fiel dort auf, so die Ermittler, dass sich die junge Frau nicht zur Erzieherin eignete. Die Kolleginnen und Kollegen hätten festgestellt, dass M. Empathie für die Kinder fehle. Die Stadt Krefeld wollte sich auf dpa-Anfrage dazu nicht äußern.

Aber: Selbst wenn eine Erzieherin bei einem Arbeitgeber etwa wegen mangelnder Empathie auffällt, darf dieser das nach Angaben des Deutschen Kitaverbands nicht einmal ansatzweise im Zeugnis erwähnen. "Deshalb sind letztendlich alle Zeugnisse Makulatur", sagte die Verbandsvorsitzende Waltraud Weegmann dem Westdeutschen Rundfunk. Es bestehe eine Meldepflicht der Kitas gegenüber den Jugendämtern, wenn es konkrete Verdachtsmomente für körperliche Übergriffe gebe. "Die gibt es aber oft nicht", sagte Weegmann. Unter der Hand dürften sich die Einrichtungen aus rechtlichen Gründen nicht austauschen. Eine Rolle spiele sicher auch der Fachkräftemangel.

"Wenn wir eine Erzieherin aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis einstellen, ist es nicht üblich, Arbeitszeugnisse vorzulegen", erklärte auch die Bürgermeisterin von Viersen, Sabine Anemüller, in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Zudem gebe es eine Probezeit, bei der man als Erzieher sehr, sehr genau begutachtet wird. Außerdem habe die Tatverdächtige ein tadelloses erweitertes Führungszeugnis vorgelegt, das für die Arbeit mit Kindern notwendig ist.

Ermittelt wurde gegen Sandra M. nur einmal. Allerdings nicht wegen ihres Umgangs mit Kindern, sondern wegen des Vortäuschens einer Straftat. Sie hatte behauptet, ein Mann habe sie im Wald angegriffen, gegen einen Baum gedrückt und mit einem Messer verletzt, das habe sich als nicht zutreffend herausgestellt. Das Verfahren gegen die 25-Jährige wurde damals von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Man riet ihr lediglich, sich psychologische Hilfe zu suchen.

© SZ/dpa/afis
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