Katholische Kirche Gehe in Unfrieden

Keine weitere Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation: Kardinal Gerhard Ludwig Müller auf einem Archivbild

(Foto: dpa)

Lange hat Papst Franziskus die heftigen Meinungsverschiedenheiten mit Kardinal Müller hingenommen. Doch zuletzt spielte sich Müller als theologischer Richter auf - deshalb nun die harte Degradierung.

Von Matthias Drobinski

Der Rauswurf kam kurz vorm Klassentreffen. Gerhard Ludwig Müller, der es vom Abiturienten zum Kardinal und Präfekten der Glaubenskongregation gebracht hat, war am Freitag quasi schon auf dem Weg nach Mainz, um 50 Jahre Reifeprüfung zu feiern, da bat ihn Papst Franziskus noch einmal zur Privataudienz um zwölf Uhr mittags. Er eröffnete dem überraschten Kardinal, dass es nach dem Ende seiner fünfjährigen Amtszeit als oberster Glaubenswächter am 2. Juli keine weitere geben werde. Tags darauf saß Kardinal Müller in der Mainzer Kirche Sankt Stephan mit ihren berühmten Chagall-Fenstern und wirkte, so berichtete die Mainzer Allgemeine Zeitung, entspannt. Franziskus habe ihm mitgeteilt, er wolle generell die Amtszeit wichtiger Kurienmitarbeiter auf fünf Jahre begrenzen, sagte er, "und da war ich der Erste, bei dem er das umgesetzt hat". "Differenzen zwischen mir und Papst Franziskus gab es nicht."

Die Entscheidung ist eine harte Degradierung Müllers, sie ist ein Donnerschlag im Vatikan

Manche sagen: Genau das ist das Problem - dass Müller seine sehr eigenen Wahrnehmungen hat und dass die Wahrnehmungen des Papstes und seines Cheftheologen am Ende so weit auseinandergingen, dass die gemeinsame Basis fehlte. Noch nie hat ein Papst die Amtszeit des wichtigsten Kurienvertreters nach dem Kardinalstaatssekretär einfach nicht verlängert, vor allem nicht bei einem Kardinal, der mit 69 Jahren für vatikanische Verhältnisse noch recht jung und zudem gesund ist. Die Entscheidung ist eine harte Degradierung Müllers. Sie ist ein Donnerschlag im Vatikan. Papst Franziskus hat seinen Gegnern und Kritikern in der Kurie gezeigt: Es gibt auch Grenzen der Geduld.

Schon einmal galten die Tage von Kardinal Müller im Präfektenamt als gezählt - als 2013 Jorge Mario Bergoglio Papst wurde und begann, seine Kirche umzukrempeln. Erst 2012 hatte Papst Benedikt XVI. den Bischof von Regensburg nach Rom geholt, zum Schrecken vieler Katholiken in Deutschland, die sich nur zu gut an die vielen Konflikte erinnerten, mit denen er das Bistum gespalten hatte. Wer, wenn nicht Müller, stand dem neuen päpstlichen Geist entgegen? Doch Franziskus hielt an Müller fest - er schätzte dessen Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez und seine wissenschaftliche Reputation, zudem wollte der Papst seinen Vorgänger nicht brüskieren und den Konservativen zeigen, dass auch sie prominent in der Kirchenleitung vertreten sind.

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Bald aber schon vertrat Müller in sehr vielen Dingen eine andere Meinung als sein neuer Chef - vor allem vertrat er sie derart dezidiert, dass man dies je nach Sichtweise als sehr unerschrocken oder aber sehr brüskierend ansehen konnte. Der Skandal um den Prachtbau des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst? Nur eine Kampagne kirchenfeindlicher Medien. Ein Kommunionempfang für Geschiedene, die wieder geheiratet haben? Ausgeschlossen. Es waren nicht einmal so sehr die Inhalte ein Problem, die Müller vertrat, es war vielmehr die Art, wie er sich zunehmend als theologischer Richter über den Papst ansah. Schon vor einem Jahr soll sich Franziskus so über Müller geärgert haben, dass er dessen Rausschmiss erwog. Dass Müller danach öffentlich gegen die Entlassung dreier seiner Mitarbeiter durch Papst Franziskus protestierte, kittete den Riss so wenig wie das Buch des Kardinals über das Papstamt, das man auch als Bewerbung für den höchsten aller Posten lesen konnte.

Ende Mai dieses Jahres sagte er dann in einem Interview mit dem katholischen Sender EWTN: "Die Ehe ist und bleibt unauflöslich, egal, was der Papst sagt"; der Papst könne nicht gegen die Worte Jesu verstoßen. Danach sollen mehrere Kardinäle Müllers Entlassung gefordert - und der Papst sich entschieden haben.

Offiziell begründet der Vatikan den Schritt nicht, den Namen des Nachfolgers hat er aber schon bekannt gegeben: Es ist der spanische Kurienerzbischof Luis Ladaria, 73 Jahre alt, wie der Papst Jesuit. Geboren ist er auf Mallorca; studiert hat er unter anderem an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Bislang war er in der Glaubenskongregation Müllers Stellvertreter; Bernd Hagenkord, der Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, charakterisiert ihn als gemäßigten Konservativen und nennt ihn "unprätentiös"; zur Arbeit gehe er "zu Fuß, Aktentasche unter dem Arm, irgendwie unauffällig". Er widme sich aber sehr ernsthaft der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, die in der Glaubenskongregation landen - auch hier gab es Vorwürfe gegen Müller, er lasse es an Entschiedenheit vermissen.

Was nun aus dem so tief gefallenen Kardinal wird, ist nicht so recht klar. "Ich werde wissenschaftlich arbeiten, meine Funktion als Kardinal ausüben, in der Seelsorge tätig sein", zitiert ihn die Mainzer Allgemeine. Kardinal Müller, der Ex-Glaubenswächter, als Aushilfspriester? Das wäre eine arg undankbare Aufgabe.

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