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Kanada:Die große Depression

Suizidversuche erschüttern ein Indianer-Reservat. Was lässt die Bewohner verzweifeln? Ein Land sucht nach Antworten.

Wenn das Telefon bei Bruce Shisheesh klingelt, erwartet er stets das Schlimmste. Jedes Mal muss der Häuptling der Cree-Indianer im kanadischen Reservat Attawapiskat fürchten, dass ihm ein neuer Suizidversuch gemeldet wird. Als sich vor wenigen Tagen elf Stammesmitglieder in der entlegenen Gemeinde das Leben zu nehmen versuchten, war für Shisheesh die Belastungsgrenze erreicht. Er erklärte den Notstand für sein Reservat. "Attawapiskat braucht Hilfe", sagte er Medienvertretern und Politikern. Es war höchste Zeit: Kaum hatte Shisheeshs Hilferuf die Außenwelt erreicht, entdeckte der Stammesrat einen weiteren Selbstmordpakt zwischen 20 Bewohnern des Reservats, darunter 13 Kinder. Sie hatten sich auf Facebook abgesprochen.

Seit vergangenem September hat es in Attawapiskat, einem 2000-Einwohner-Dorf weit im Norden der Provinz Ontario, rund hundert Suizidversuche gegeben. Die jüngste beteiligte Person war laut dem kanadischen Fernsehsender CTV elf Jahre alt, die älteste 71. Das Drama begann mit dem Suizid eines 13-jährigen Mädchens, das sich im Oktober 2015 erhängt hat. Unter dem Eindruck der Trauer - offenbar auch wegen fehlender Hilfe - habe es in seinem Bekanntenkreis anschließend zahlreiche weitere Selbstmordversuche gegeben. Gestorben ist seither allerdings niemand.

Auch die Familie von Häuptling Shisheesh geriet in den Strudel: "Ich habe Verwandte, Vettern, Freunde, die davon ebenfalls betroffen waren", sagte er. Die Gründe für das Geschehen sind wohl vielfältig. Die armseligen, unzulänglichen Unterkünfte in Attawapiskat hatten schon früher Schlagzeilen in kanadischen Zeitungen gemacht. Laut Shisheesh leben in manchen Häusern bis zu 14 Menschen auf engstem Raum. Dazu kommt die Drogenabhängigkeit im Cree-Indianer-Reservat: Bewohner versuchten ihren Schmerz - etwa nach sexuellem oder physischem Missbrauch - mit Suchtmitteln zu unterdrücken, sagt der Häuptling: Und wenn sie nicht das Geld für Drogen hätten, suchten sie sich womöglich diesen anderen Ausweg.

Studien zeigen, dass Suizide zu den häufigsten Todesursachen unter den 1,4 Millionen Ureinwohnern gehören. Die eingeborenen Kanadier, die heute rund vier Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden demnach auch wesentlich häufiger Opfer von Gewalt, Armut und Sucht als die übrigen Bürger im Land. Zu den heutigen Missständen könnte die Gewalt beigetragen haben, die früher in den von Staat und Kirchen geführten Internaten für indianische Kinder herrschte, so wird vermutet.

In abgeschiedenen Reservaten wie Attawapiskat ist zudem die Arbeitslosigkeit hoch, und es gibt nur wenig Hoffnung auf eine Besserung der persönlichen Situation. Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat daher die Lebenssituation der Ureinwohner zu einer seiner politischen Prioritäten erklärt und mehr als eine Milliarde Euro für Maßnahmen bereitgestellt, dieser Gruppe wieder mehr Hoffnung zu geben. Die frühere konservative Regierung hatte trotz eines kritischen Berichts der UNO fast nichts gegen die Misere in den Reservaten unternommen. Trudeaus Kabinett reagierte indes umgehend auf Attawapiskats Hilferuf und schickte eine Schar psychologischer Fachkräfte und geschultes Hilfspersonal in das Reservat. Diese ersetzen vier Sozialarbeiter, die infolge der anhaltenden Welle an Suizidversuchen nicht mehr weiter wissen.

© SZ vom 19.04.2016
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