Justiz Zwanzig Jahre, mindestens

Markus Kaarma, der in seiner Garage in Montana den 17-jährigen Hamburger Diren Dede erschoss, scheitert vor Gericht: Er hatte das Urteil angefochten, weil er glaubte, kein faires Verfahren bekommen zu haben.

Von Hans Holzhaider

Es ist vorbei, endlich. Das Urteil, das in der Nacht auf Freitag im US-Bundesstaat Montana fiel, bedeutet für den Hamburger Taxiunternehmer Celal Dede vor allem Entlastung. "Er ist sehr erleichtert, dass das juristische Tauziehen nun ein Ende hat", sagt Bernd Docke, der Anwalt von Celal Dede und seiner Frau Gülcin, den Eltern des jungen Mannes, der vor knapp drei Jahren in einer Garage in Montana erschossen wurde, weil er ein Bier stehlen wollte. Mit allen Mitteln hat der Schütze seither gegen das Urteil gekämpft, eine 70-jährige Gefängnisstrafe. Nun steht fest: Mindestens 20 Jahre wird Markus Kaarma hinter Gittern bleiben.

Diren Dede war 17 Jahre alt, als er starb. Ein Schüler aus Hamburg, der ein Jahr als Gastschüler in den USA verbringen wollte. Er war ein Typ, der schnell Freunde fand, ein leidenschaftlicher Fußballspieler, manche fanden, er sehe ein bisschen aus wie Mats Hummels mit dem kleinen Kinnbart, den er sich hatte wachsen lassen. Er fühlte sich wohl bei seiner Gastfamilie in Missoula, einer kleinen Universitätsstadt in Montana im Westen der USA. Und dann, am Abend des 27. April 2014, klingelte das Telefon bei Direns Eltern in Hamburg: Ihr Sohn sei tot, sagte ein Polizist, erschossen von einem Hausbesitzer, weil Diren kurz nach Mitternacht aus der offenen Garage des Mannes ein Bier mitnehmen wollte.

Der Fall schlug hohe Wellen in der kleinen Stadt Missoula. Montana hat, wie fast alle Staaten im Westen der USA, ein sehr liberales Waffenrecht. Jeder, der nicht vorbestraft oder psychisch krank ist, darf eine Schusswaffe tragen, und es gibt ein Gesetz, dass zur Verteidigung eines bewohnten Gebäudes auch die Anwendung tödlicher Gewalt erlaubt ist. Aber durfte der 30-jährige Markus Kaarma deshalb einen unbewaffneten Jugendlichen erschießen, von dem keinerlei Gefahr für Leib oder Leben des Mannes oder dessen Familie ausging?

Für ein Jahr wollte Diren Dede, dessen Bild bei einer Trauerfeier seines Fußballvereins auf den Platz getragen wird, in den USA zur Schule gehen.

(Foto: Oliver Hardt/Getty)

Am 17. Dezember 2014 entschieden die Geschworenen am Bezirksgericht in Missoula: Er durfte nicht. Markus Kaarma wurde der vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen, und am 12. Februar 2015 verkündete Richter Ed McLean das Strafmaß: 70 Jahre Gefängnis mit der Möglichkeit, frühestens nach 20 Jahren eine vorzeitige Entlassung zu prüfen. Jetzt hat der Oberste Gerichtshof des Staates Montana dieses Urteil bestätigt. Er wies alle Einwände von Kaarmas Verteidigern zurück.

Missoula mit seinen etwas mehr als 100 000 Einwohnern gilt, vor allem wegen seiner vielen Studenten, als liberale Enklave im konservativ geprägten Montana. Die örtliche Tageszeitung Missoulian und die lokalen Fernsehsender berichteten ausführlich über den Fall. Nachbarn kamen zu Wort, die Kaarmas aggressives Verhalten im Straßenverkehr schilderten, und Angestellte eines Friseursalons berichteten, wie er mit unflätigen Worten angekündigt hatte, er werde die "fucking kids" umbringen, die schon zweimal in seine Garage eingebrochen seien. Mit den Einbrüchen hatte Diren Dede allerdings nichts zu tun. Er machte nur beim "garage hopping" mit: Unter den Schülern der Highschool galt es als cool, nachts nach offenen Garagen Ausschau zu halten und aus Kühlschränken das eine oder andere Bier zu klauen.

Die ausführliche für den Täter überwiegend negative Berichterstattung war eines der Argumente, mit denen dessen Verteidiger das Urteil zu Fall bringen wollten. Sie hatten vor dem Prozess beantragt, die Verhandlung an einen anderen Ort zu verlegen, weil es in dem aufgeheizten Klima in Missoula unmöglich sei, unvoreingenommene Geschworene zu finden. Das hatte das Gericht abgelehnt, und der Supreme Court of Montana gab ihm jetzt recht. Jeder Kandidat für die Jury sei ausführlich nach seiner Haltung und eventuellen Vorurteilen befragt worden, das bot hinreichend Gewähr für ein faires Verfahren.

Diren Dede kehrte nie nach Hamburg zurück. Der inzwischen verurteilte Markus Kaarma (Foto) schoss ihm in Kopf und Arm.

(Foto: Arthur Mouratidis)

Verworfen wurde auch Kaarmas Einwand, die Staatsanwaltschaft habe seine Vorstrafe wegen Misshandlung seiner Lebensgefährtin nicht erwähnen dürfen. Zwar sollen in den USA Vorstrafen grundsätzlich nicht erwähnt werden, um die Geschworenen nicht zu beeinflussen. In diesem Fall aber, entschied der Supreme Court, hätten die Verteidiger selbst den Charakter des Angeklagten ins Spiel gebracht, indem sie ihn als vorbildlichen Familienvater und Beschützer von Heim und Herd darstellten. Dann sei die Staatsanwaltschaft auch berechtigt, gegenteilige Indizien ins Feld zu führen.

Mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs ist das Urteil gegen Markus Kaarma praktisch rechtskräftig. Der Mann, der Diren Dede tötete, wird mindestens 20 Jahre im Gefängnis bleiben müssen, wahrscheinlich aber deutlich länger.