Italien Rap-Konzert-Tragödie: "Babygang" im Verdacht

Carabinieri am Tag nach der Trägodie vor der Disko "Lanterna Azzurra".

(Foto: Andrew Medichini/AP)
  • Bei einer Massenpanik in einer Diskothek nahe der italienischen Adria-Küste kommen sechs Menschen ums Leben, unter ihnen fünf Minderjährige.
  • Vor dem Auftritt des Teenie-Idols Sfera Ebbasta soll ein Jugendlicher Pfefferspray gesprüht worden sein.
  • Ermittler haben den Verdacht, dass es sich um eine gezielte Tat handeln könnte. Es könnte sich um eine kriminelle Bande gehandelt haben, die eine ausbrechende Panik nutzen wollte, um Konzertbesucher zu bestehlen.
Von Oliver Meiler, Rom

"Spray al peperoncino", sagen die Italiener, Paprika- oder Chilispray also, wenn sie Pfefferspray meinen. Das gibt die Wirkung des Reizgases, das in den Blechdosen steckt, vielleicht eindrücklicher wieder, dieses Beißen. Und die Bezeichnung ist auch etymologisch besser: Der Wirkstoff wird aus Capsicum gewonnen, aus Chilis eben. So kann man es jetzt in allen italienischen Zeitungen nachlesen. Aus tragischem Anlass berichten sie seitenlang über diese Sprays - und über deren denkwürdig weite Verbreitung.

Es war kurz nach ein Uhr nachts, Samstagmorgen schon, als ein Teenager mit Kapuze im übervoll besetzten Club "Lanterna Azzurra" in Corinaldo bei Ancona auf einen Kubus stieg und mit einem "Spray al peperoncino" in die Menschenmengen unter sich sprühte, bis die Dose leer war. Das Publikum wartete gerade auf den Mailänder Rapper Sfera Ebbasta, ein Idol der Jugend und die große Attraktion des Abends. Der war spät dran, er hatte noch einen Auftritt in einer Diskothek in Riccione. In Corinaldo sollte er nie ankommen. Sfera Ebbasta kehrte um, als er erfuhr, was da in der "Blauen Laterne" nach der Sprühattacke passierte. Es war ja nicht das erste Mal.

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Panik brach aus. Die Besucher, fast alle minderjährig, drängten zu den Ausgängen. Eine Brüstung brach weg, Dutzende fielen in einen Graben, die Untersten wurden erdrückt. Sechs Menschen starben, fünf von ihnen waren zwischen 14 und 16 Jahre alt, dazu die Mutter eines elfjährigen Mädchens. Sie hatte die Tochter zum Konzert begleitet, am Samstag war schulfrei, Mariä Empfängnis, ein Festtag. Die Tickets, zwischen 20 und 30 Euro, waren schnell alle weg. Wie viele genau verkauft worden waren, ist nicht klar. Der große Saal im "Lanterna Azzurra", einem alten Tanzlokal, ist für höchstens 460 Besucher vorgesehen. Die Medien aber zeigten unter anderem das Faksimile von Ticket Nummer 1351.

Der Rapper aus Mailand teilte seinen "großen Schmerz" mit seinen Anhängern in den sozialen Medien, da ist er ein Star mit Millionen Fans. "Ragazzi", schrieb er, "hört sofort auf. Denkt darüber nach, wie gefährlich und dumm es ist, Pfefferspray zu gebrauchen in einer Diskothek." Allein bei Auftritten von Sfera Ebbasta gab es in den vergangenen zwei Jahren vier weitere Vorfälle dieser Art, immer gingen sie einigermaßen glimpflich aus. Auch bei Konzerten anderer berühmter Musiker gab es Sprühattacken, bei Ghali etwa, bei Achille Lauro und kürzlich auch bei Elisa. Die Häufung bei Sfera Ebbasta führte schon zu der Vermutung, da wolle jemand seine Karriere sabotieren.

Babygangs nutzen entstehendes Chaos für Diebeszüge

Die Ermittler haben einen anderen Verdacht: Sie glauben, dass da einfach Verbrecher am Werk sind. Die Masche der so genannten Babygangs ist offenbar immer dieselbe. Die jungen Kriminellen mischen sich mit Pfeffersprays unter Konzert- und Clubbesucher. Die Dosen besorgen sie sich billig und legal im Handel, ab 16 Jahren ist das möglich. Eigentlich ist Pfefferspray ja zur Notwehr gedacht, den Gangs dient es als Waffe. Sie bekommen es auch leicht an den Türstehern der Diskotheken vorbei. Ist der Saal voll, die Menschenansammlung dicht, versprühen sie das Gas und nutzen die Panik, um zu stehlen: Uhren, Ketten, Geldbeutel. Das Chaos ist so groß, dass sie meist unbemerkt davonkommen.

Im Sommer vor einem Jahr wandten acht junge Männer auf der Piazza San Carlo von Turin dieselbe Methode an. Es lief gerade die Direktübertragung des Fußballspiels Juventus Turin gegen Real Madrid, Finale der Champions League. Tausende wurden verletzt, eine Frau starb an den Folgen ihres Herzinfarkts. Auch an der Street Parade in Zürich traten immer wieder Diebe auf, die nach diesem Muster agierten. 2017 waren es fünfzig. Die meisten von ihnen waren aus Italien angereist, mit "Spray al peperoncino".

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