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Italien:Amatrice - wo sich schreckliche Szenen abspielen

Amatrice

"Das Dorf wurde komplett zerstört", sagt ein Helfer über Amatrice.

(Foto: REUTERS)

Tote Kinder, Familien, die alles verloren haben: Das italienische Dorf wurde vom Erdbeben besonders hart getroffen. Insgesamt sollen mindestens 150 Menschen ums Leben gekommen sein.

Eingestürzte Häuser, aufgerissene Straßen, ganze Dörfer, die in Trümmern liegen: Das Erdbeben in Mittelitalien hat gewaltige Zerstörungen hinterlassen. Noch immer herrscht Chaos. In dem abgelegenen Dorf Amatrice, etwa 140 Kilometer nordöstlich von Rom, suchen Feuerwehrmänner, Rettungshunde und Freiwillige immer noch verzweifelt nach Überlebenden. Mindestens 150 Menschen sind ums Leben gekommen.

"Das Dorf wurde komplett zerstört", sagt ein Helfer. "Wir haben viele Freunde und Bekannte verloren", klagt sein Bruder. Um sie herum stehen Menschen, die weinen, sich trösten und umarmen. Hubschrauber kreisen über dem Ort in der Gebirgsregion des Apennin-Massivs. Überall liegen Tote, bedeckt von weißen Decken.

Bisher war Amatrice mit seinen etwa 2600 Einwohnern vor allem bekannt für seine Spaghetti all'Amatriciana mit Speck, Tomaten und Pecorino-Käse - jetzt ist es bekannt für Bilder der Verwüstung. Ganze Straßenzüge sind eingestürzt, viele historische Kirchen sind dem Erdbeben zum Opfer gefallen. Amatrice ist eines der Dörfer, die die Naturkatastrophe am schlimmsten getroffen hat.

Mit Schaufeln und Pickeln gegen den Schutt

SZ-Korrespondent Oliver Meiler berichtet von einer apokalyptischen Stimmung: "Überall türmen sich Schuttberge, aus denen die zahlreichen Helfer immer mehr Verletzte und Tote herausziehen. Mit Schaufeln und Pickeln räumen die Helfer Geröll zur Seite, in der Hoffnung Überlebende zu finden."

In der Mitte des Ortes schreckliche Szenen. Tote Kinder, die von Polizisten weggetragen werden, Jugendliche, die sich auf dem Parkplatz versammelt haben und zusammenbrechen, als sie vom Tod zweier Freunde erfahren.

Amatrice, das ist eigentlich ein Ort voller Lebensfreude - ein Anziehungspunkt für Touristen gerade in den Sommermonaten, wenn bis zu 20 000 Menschen in das Dorf kommen - viele zum Wandern und Fahrradfahren in die nahegelegenen Nationalparks Gran Sasso und Monti della Laga. Kommende Woche hätte ein traditionelles Volksfest stattfinden sollen, nun ist das Dorf zerstört und viele Bewohner sind obdachlos.

Viele Einwohner sind zu traumatisiert, um mit den Reportern vor Ort zu sprechen. "Hier ist nichts übrig geblieben, alles, was wir hatten, ist weg", hört man eine Frau sagen, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter auf einem Spielplatz sitzt. Helfer bringen Essen. Die Angst vor Plünderern geht um. Dazu Nachbeben, die den Menschen weiter zusetzen.

"Mein Sohn hat mich gerettet"

"Ich weiß nicht, wie ich überlebt habe", sagt eine ältere Frau, die sich noch an ein Erdbeben hier in den Fünfzigerjahren erinnern kann. "Mein Sohn hat mich gerettet, ein Fenster eingeschlagen und mich auf einer Leiter Schritt für Schritt herausgetragen."

Die Bewohner wurden von dem Erdstoß der Stärke 6,0 mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Auch in Rom wackelten die Wände, Bewohner liefen auf die Straße. In Ancona, Bologna und in Neapel war das Beben ebenfalls zu spüren, hieß es aus dem Institut für Geophysik und Vulkanologie.

Es sind schreckliche Bilder, die von dieser Katastrophe in Erinnerungen bleiben werden - in einem Land, das immer wieder von Erdbeben heimgesucht wird. Die Bilder erinnern auch an das Versagen der Behörden, die in den zurückliegenden Jahren zu wenig in die Erdbebenhilfe investiert haben. Viele der Häuser in den betroffenen Orten Amatrice, Accumoli und Pescara del Tronto sind Jahrhunderte alt, die Bausubstanz ist marode.

Um L'Aquila ereignete sich im April 2009 ein ähnlich starkes Beben

"Das, was wir in L'Aquila vor Jahren gesehen haben, ist nun hier geschehen", sagte der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi. "Viele sind noch unter den Trümmern. Wir bereiten einen Ort für die vielen Leichen vor."

Um L'Aquila ereignete sich im April 2009 ein ähnlich starkes Beben, das die Stadt und viele Dörfer in der Gegend zerstörte, 300 Menschen starben. Böse Erinnerungen - zu denen auch Italiens damaliger Regierungschef Silvio Berlusconi beitrug. Den obdachlosen Erdbebenopfern riet er damals, die Zeit in den Zeltstädten als Urlaub zu sehen. Es sei ja "wie beim Campen". Der Aufbau der Stadt ist immer noch nicht abgeschlossen, das Zentrum gleicht einer Geisterstadt, in der die Mafia großen Einfluss hat und öffentliche Gelder veruntreut werden.

Die Bewohner von Amatrice und jene in der umliegenden Bergregion können nur hoffen, dass Italiens jetziger Regierungschef Matteo Renzi die Lage besser im Griff hat. "Es muss eine größere Kultur der Prävention und des Zivilschutzes geben", sagt Fabio Tortorici, der Präsident des nationalen Geologen-Rates. Etwa alle 15 Jahre erschüttert ein Erdbeben mit mehr als Stärke 6,3 das Land.

Doch das ist ein statistischer Durchschnittswert. Es heißt nicht, dass Italien tatsächlich so lange Zeit hat, bis die Erde das nächste Mal bebt.

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