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Interview mit einem Goldschmelz-Experten:"Notfalls sägt man sie halt in der Mitte durch"

Diebe entwenden unbemerkt eine der größten Goldmünzen der Welt. Aber wie wird man das 100 Kilo schwere Ding wieder los, ohne aufzufallen? Drängende Fragen an den Materialphysiker Gerhard Sperl.

Interview von Martin Zips

Sie ist noch immer nicht aufgetaucht, die aus dem Berliner Bode-Museum gestohlene 100-Kilo-Goldmünze. Der österreichische Materialphysiker Gerhard Sperl gilt als internationale Koryphäe auf dem Gebiet der Goldschmelzkunst. Weiß er mehr?

SZ: Herr Professor Sperl, was macht man als Dieb mit einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze?

Sperl: Na, die schmilzt man halt ein. 100 Kilogramm Gold ergeben etwa fünf Liter. Dafür braucht man keinen großen Tiegel. Und der Schmelzpunkt von Gold liegt mit 1064 Grad ja deutlich unter dem von Stahl und sogar ein bisschen unter dem von Kupfer. Gar kein Problem. Die Münze wird man so nie wieder sehen.

Wie viele Schmelzöfen kämen in Deutschland oder Österreich zum Einschmelzen der Münze denn infrage?

Ich bitte Sie! Hunderte. Das schafft jede kleine Messinggießerei. Und dann gießt man das Geschmolzene in eine gefälschte Form und behauptet, dass man den Goldbarren aus dem Kongo hat - fertig.

Aber in Deutschland machen sich die Menschen gerade Gedanken, wie man so eine riesige Münze zerkleinert.

So? Na, notfalls sägt man sie halt in der Mitte durch.

Aber wie? Vielleicht mit einem Hochleistungslaser?

Mit einer stinknormalen Metallsäge im Gartenhäuschen. Gold ist ganz weich. Vergessen Sie nur nicht, die Späne am Ende einzusammeln. Die sind auch was wert.

Herr Sperl, erinnern Sie sich an einen vergleichbaren Fall der jüngeren Edelmetall-Kriminalgeschichte?

Warten Sie mal. Ja, im Ägyptischen Museum in Kairo haben Diebe einmal ziemlich große Goldbarren aus dem Grab Tutanchamuns durch Blei-Barren ersetzt. Große Sache. Aber der Raub der Münze aus dem Berliner Bode-Museum ist auch spektakulär. Alltäglicher ist es da schon, wenn gelegentlich der Goldzahn eines Verstorbenen im Krematorium verschwindet.

Prof. Dr. Dr. Dipl.-Ing. Gerhard Sperl

Der 81-Jährige befasst sich an der Montanuniversität im österreichischen Leoben seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Metallgießerei.

Gold ist wirklich faszinierend, finden Sie nicht?

Hübsch anzuschauen ist es schon. Aber langweilig. So ist es ja meistens. Auch bei den Menschen. Ich finde Gebrauchsmetalle wie Kupfer und Eisen deutlich interessanter. Denken Sie an das Kupferbeil vom Ötzi. Und wissen Sie, es ist so mühsam, Gold zu entdecken. Ich hab' selber mal im Fluss gewaschen. Aber die paar Krümel, die ich gefunden habe, die waren gar nichts wert.

Vielleicht wären Sie besser nicht Wissenschaftler geworden, sondern Schmelzofen-Betreiber.

Stimmt. Und falls jemand mit einer großen Goldmünze zum Einschmelzen bei mir vorbeischauen würde, dann würde ich mir das gut bezahlen lassen. Nein, keine Angst. Ich war ja früher mal Klosterschüler.

© SZ vom 01.04.2017

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