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Gewalt gegen Frauen:"Der Gedanke der Männer: Du gehörst mir!"

Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen in Hameln 2016

In stehen Kerzen, Blumen und Plakate mit Aufschriften wie 'Stoppt die Gewalt gegen Frauen' nach einemm Gewaltverbrechen an einer jungen Frau.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Das BKA hat im vergangenen Jahr 140 755 Fälle von Partnerschaftsgewalt registriert. Oft gehe es los, wenn eine Frau dabei sei, sich von ihrem Partner zu befreien.

Gewalt kommt in kleinen Schritten in eine Beziehung gekrochen. Oft gehe es los, sagt Katja Grieger, wenn eine Frau dabei sei, sich zu befreien. "Dann kontrolliert der Mann plötzlich ihr Handy, will immer dabei sein, wenn sie sich mit Freundinnen trifft." Die Psychologin und Geschäftsführerin des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) hat die Erfahrung gemacht, dass Kontrolle häufig am Anfang von Gewalt in der Partnerschaft steht. "Das Problem liegt im Geschlechterverhältnis", sagt sie. Es gehe um Männer, die davon ausgingen, Macht über Frauen zu haben. Getötet würden Frauen von ihren Partnern vor allem dann, wenn sie sich gerade getrennt hätten oder im Begriff seien, den Mann zu verlassen. "Der Gedanke der Männer ist: Du gehörst mir!"

140 755 Opfer von Partnerschaftsgewalt gab es im vergangenen Jahr hierzulande, nach 138 893 im Jahr 2017. Das geht aus der neuesten Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) hervor, die Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) am Montag in Berlin vorgestellt hat. 81,3 Prozent der Betroffenen waren Frauen, 18,7 Prozent Männer. Letztere nicht zu ignorieren, sagte Giffey, finde sie "sehr wichtig", auch wenn die "übergroße Mehrheit der Täter" Männer seien. Grieger vom BFF allerdings berichtet, dass ihrer Erfahrung nach gewalttätige Männer zum Teil ebenfalls Anzeige erstatteten, wenn ihre Frauen sich zu einer Anzeige durchgerungen hätten. So tauche dann ein weibliches und ein männliches Opfer in der BKA-Statistik auf.

Grundsätzlich bilden die BKA-Zahlen ohnehin nur das sogenannte Hellfeld ab, also die Fälle, die der Polizei bekannt geworden sind, etwa durch eine Anzeige. Das Dunkelfeld, die unerkannte Gewalt, ist viel größer. Knapp 61 Prozent der Betroffenen wurden 2018 Opfer von einfacher Körperverletzung, gefolgt von Bedrohung, Nötigung, Stalking sowie gefährlicher, schwerer Körperverletzung, auch mit Todesfolge. Hinzu kamen sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution, Mord und Totschlag. 122 Frauen und 26 Männer wurden von ihrem Partner oder ihrer Partnerin getötet. Insgesamt litten knapp 38 Prozent der Opfer unter ihrem Ex-Partner, ein Drittel unter ihrem Ehepartner.

Gut zwei Drittel aller Tatverdächtigen waren Deutsche, knapp sechs Prozent Türken, 2,6 Prozent Polen, 2,3 Prozent Syrer und 1,6 Prozent Rumänen. "Wir wissen, dass es in bestimmen Kulturkreisen an der Tagesordnung ist, dass Frauen und Kinder geschlagen werden", sagte Giffey, das könne sie aus ihrer Zeit als Neuköllner Bürgermeisterin schildern - in dem Berliner Bezirk leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. "Aber Gewalt", betonte die Ministerin, "geht durch alle sozialen Schichten und Ethnien", und der Großteil der Täter seien Deutsche. Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen", fügte hinzu, dass auch Bildung und Einkommen keine Rolle spielten: "Gewalt geht quer durch die Gesellschaft."

Söchting sagte, dass Frauen oft mehrere Anläufe bräuchten, um sich aus der Gewalt zu lösen. Das bestätigt auch Grieger vom BFF. Neben ökonomischen Zwängen hätten viele Frauen auch schlicht Angst. "Weil die Männer sagen: Du überlebst es nicht, wenn du gehst." Letzte Zuflucht ist in solchen Fällen eines der rund 350 Frauenhäuser. Allerdings gibt es derzeit zu wenige Plätze. Giffey wies darauf hin, dass der Bund in den kommenden vier Jahren jeweils 30 Millionen Euro in den Ausbau von Frauenhäusern und Beratungsstellen investieren werde. Doch auch wenn man damit "eine ganze Menge machen" könne - das Geld werde nicht reichen, schon gar nicht für einen Rechtsanspruch auf einen Platz im Frauenhaus, den sie für wünschenswert hält. "Der Ball liegt auf der Landesebene", sagte die Ministerin. Noch gebe es "weiße Flecken" auf der Landkarte, "ein unerträglicher Zustand". Länder und Kommunen seien in der Pflicht. Es sei nicht beabsichtigt, dass der Bund ihnen die Verantwortung abnehmen werde. Denn er sei nicht zuständig und könne nur "modellweise" fördern.

© SZ vom 26.11.2019
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