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Germanwings-Absturz:Vom Wahn umflackerte Tat

Wreckage of an Airbus A320 is seen at the crash site, near Seyne-les-Alpes

Trümmerteil des Germanwings-Flugzeugs in den französischen Alpen

(Foto: REUTERS)

So wie es aussieht, war der Absturz der Germanwings-Maschine bewusst herbeigeführt - die schlimmste Erkenntnis, die man in einer solchen Lage gewinnen kann.

Noch am Donnerstagmorgen dachte man, es könne nicht schlimmer kommen: 150 Menschen starben bei dem Flugzeugabsturz in Südfrankreich, und es sah zunächst so aus, als werde man vielleicht nie die Ursache der Katastrophe kennen. Zu Trauer, Mitleid und Bestürzung gesellte sich bei vielen Menschen, die gelegentlich oder häufiger fliegen, die Angst vor dem Ungewissen. Wie kann so eine Maschine, der man ohnehin auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, einfach vom Himmel fallen? Wen trifft es wann das nächste Mal? Einen selbst?

Dann aber kam es noch schlimmer. So wie es aussieht, hat der Copilot den Absturz bewusst herbeigeführt. Er hat wohl die im Sinne des Wortes mörderische Kursabweichung programmiert und dafür gesorgt, dass niemand mehr eingreifen konnte. Am Hergang der monströsen Tat bestehen nach den Erkenntnissen der Ermittler kaum mehr Zweifel. Ein Mensch hat 149 andere Menschen umgebracht, weil er selbst nicht mehr leben wollte.

Mit einem Unfall, einer Verkettung unglücklicher Umstände, vielleicht sogar einem fatalen Fehler als Ursache eines solchen Desasters lässt sich für die Hinterbliebenen schlecht genug zurechtkommen. Dass aber einer Aberdutzende in den Tod reißt, ihre Gegenwart und Zukunft auslöscht, macht nicht nur fassungslos, sondern wütend. Es war Absicht. Dies ist die schlimmste Erkenntnis, die man in einer solchen Lage gewinnen kann.

Das macht nicht nur fassungslos, das macht wütend

Welche Motive den Mann dazu gebracht haben, ist letztlich bedeutungslos. Er mag verzweifelt gewesen sein, und vielleicht hat ihn jener Trieb bewegt, der den Namen Herostratos berüchtigt gemacht hat. Jener Herostratos hat angeblich 356 vor Christus den Tempel der Artemis in Ephesos, eines der sieben Weltwunder, in Brand gesetzt. Er wollte dadurch ewigen Ruhm erlangen. Auch die Zerstörung des Airbus aus Barcelona war eine solche herostratische, vom Wahn umflackerte Tat.

Einzeltäter haben immer wieder alle Sicherheitsvorkehrungen, Auswahlverfahren und Überwachungsprozeduren überwunden, bevor sie sich selbst und andere töteten. Das war so bei Terroristen jeder Couleur, aber auch bei Mordwahnsinnigen wie Anders Breivik in Norwegen oder Timothy McVeigh in den USA. Und allemal ist die Sicherheit des Alltags vor Verzweifelten ohnehin trügerisch. In den Lokalnachrichten hört man immer wieder von jenen Geisterfahrern, die mit hoher Geschwindigkeit auf andere zurasen, um bei solchen selbstinduzierten Unfällen zu sterben.

Trost? Das ist schwierig an so einem Tag. Es hilft nicht sehr, wenn man daran erinnert, dass dies ein absoluter Ausnahmefall ist. Noch tröstet es, wenn man weiß, wie entsetzt gerade die Piloten angesichts dieser Katastrophe sind. Eines ist sehr wichtig: Menschen mit psychischen Problemen bedürfen des Respekts und der Hilfe. Man wird dadurch Ausnahmekatastrophen nicht verhindern können. Aber vielleicht kann man so auch einem Verzweifelten vermitteln, dass nichts von größerem Wert ist als das Leben. Jedes Leben.

© SZ vom 27.03.2015/fran
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