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Ein Anruf bei ...:Biliana Voutchkova, die ihre Geige verloren hat

Biliana Voutchkova, 47, spielt zeitgenössische klassische Musik - und komponiert in Echtzeit oder improvisiert.

(Foto: photomusix/c. marx)

"Ich weiß, dass sie gerade in der Hand irgendeines fremden Menschen ist": Eine Violinistin verliert auf einer Zugfahrt die Geige, mit der sie seit 30 Jahren spielt. Jetzt helfen ihr Tausende Menschen bei der Suche.

Der Schock ereilte sie im Bahnhof von Düren. Beim Umsteigen stellte Biliana Voutchkova plötzlich fest, dass ihr Geigenkasten verschwunden war. Die Musikerin ist verzweifelt, seit 30 Jahren schon spielt sie das Instrument und will es jetzt unbedingt zurückhaben - vielleicht mithilfe der Tausenden Menschen in den sozialen Netzwerken, die ihren Suchaufruf geteilt haben.

SZ: Frau Voutchkova, gibt es schon Hinweise, wo Ihre Violine sein könnte?

Biliana Voutchkova: Nein, gar keine.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Geige weg ist?

Am Samstagmittag im Zug von Köln nach Aachen, auf dem Weg zum Meakusma-Festival in Eupen. Ich weiß noch, wie ich ohne Schuhe dasaß und mit meinem Laptop. Dann fuhr der Zug in Düren nicht mehr weiter, alle sollten den Schienenersatzverkehr nehmen. Als ich meine Sachen zusammenpacken wollte, war der Geigenkasten plötzlich nicht mehr da.

Die Geige, die Biliana Voutchkova seit 30 Jahren spielt. Sie hatte sie als Teenagerin von einem alten Mann in Bulgarien gekauft.

(Foto: Voutchkova/Facebook)

Wie haben Sie reagiert?

Wir mussten den Zug schnell verlassen, und ich habe es nicht mehr geschafft, alle Abteile zu durchsuchen. Ich habe dann überall am Bahnhof gefragt, auch im Reisebüro und dem kleinen Laden dort. Der Schaffner, zu dem die Deutsche Bahn später Kontakt aufnahm, hat auch nichts gefunden. Seitdem rufe ich jeden Tag bei den Fundbüros in Köln und Düren an und beim zentralen Fundbüro der DB. Ich habe auch die Polizei schon mehrmals angerufen, aber dort haben sie gesagt, es sei zu früh, um Anzeige zu erstatten, ich solle noch etwas warten. Auf Facebook habe ich eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Ich habe alles versucht und werde nicht aufhören. Morgen werde ich Anzeige erstatten.

Haben Sie Ihr Konzert dann abgesagt?

Nein, die Veranstalter in Belgien haben eine andere Violine für mich gefunden, irgendein Studenteninstrument. Ich habe zwei Stunden durchgespielt, aber ich kann wirklich nicht sagen, wie ich das alles geschafft habe. Ich stand unter Schock und war überhaupt nicht ich selbst. Die Zuschauer haben zum Glück nichts gemerkt.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Es ist momentan totales Chaos in meinem Kopf. Wenn ich Musik spiele, vergesse ich alles. Aber die Momente, in denen ich alleine bin, sind ganz traurig. Es wird lange dauern, bis ich realisiert habe, dass die Geige wirklich weg ist. Es fühlt sich absurd an. Ich weiß ja, dass sie gerade in der Hand irgendeines fremden Menschen ist. Etwas ganz Privates ist plötzlich nicht mehr privat.

Warum bedeutet Ihnen die Violine so viel?

Ich habe sie seit 30 Jahren, sie ist für mich alles. Ich habe mein ganzes professionelles Leben mit ihr verbracht. Ich habe sie mit 16 oder 17 Jahren von einem alten Mann in Bulgarien gekauft. Er war total verliebt in die Violine, aber konnte nicht mehr spielen, weil er krank war. Also hat er andere Leute in sein Haus geholt, damit sie darauf spielen. Ich war viermal bei ihm. Danach hat er die Entscheidung getroffen, dass ich die Violine bekomme. Ich weiß noch, wie glücklich ich war.

Ist sie sehr wertvoll?

Nein, sie hat keinen besonders großen Wert. Sie ist nur für mich so bedeutend. Ich habe mit dem Instrument meinen eigenen Klang entwickelt, wir sprechen zusammen eine eigene Sprache.

Wie erkennt man die Violine wieder?

Ich habe auf Facebook ein Foto gepostet. Sie hat eine besondere Farbe und kleine Macken an der rechten Seite, weil sie schon alt ist und mal kaputt war.

In den sozialen Netzwerken unterstützen Tausende Menschen Sie bei der Suche, der Tweet von einem Ihrer Künstlerfreunde wurde mehr als 7000 Mal weiterverbreitet. Hätten Sie mit einer so großen Anteilnahme gerechnet?

Nein, ich kann das überhaupt nicht glauben. Schon am Sonntag, nach ein paar Stunden, hatten 15 000 Leute meinen Post auf Facebook gesehen. Ich war so dankbar und berührt, dass ich mir lange Zeit genommen habe, um alle Nachrichten zu lesen und eine Dankesbotschaft zu schreiben. Ich habe den Leuten geschrieben, dass ich zwar Kummer habe, aber etwas sehr Wertvolles gewonnen habe: ihre Zuwendung und ihr Vertrauen. Und das Wichtigste ist ja, dass ich meine Hände habe und mein Herz noch am richtigen Platz ist. Mit mir ist alles okay.

Gibt es denn Finderlohn für denjenigen, der Ihre Geige zurückbringt?

Ich werde ein privates Konzert spielen, Geld geben und alles tun, was ich kann. Ich will die Geige unbedingt zurückhaben.

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