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Freilassung von Martin:Dutroux-Komplizin unter Protesten in Kloster eingetroffen

Die Freilassung von Michelle Martin, Exfrau und Komplizin des Kindermörders Dutroux, hat in Belgien die erwartete Empörung hervorgerufen. Vor dem Kloster, in dem sie künftig leben soll, kam es zu wütenden Protesten. Hinterbliebene machten ihrem Ärger in den Medien Luft - und in einem Brief an Martin.

Nur ein paar Sekunden ist Michelle Martin durch die getönten Scheiben des BMW zu sehen, doch den Demonstranten, die um 22.30 Uhr noch vor dem Klarissen-Kloster in Malonne ausharren, reicht es als Signal: Sie beginnen, wütende Beleidigungen zu brüllen. Einige versuchen, die Absperrungen zu durchbrechen, die Polizisten aufgestellt haben, um die Protestierenden zurückzuhalten - und die Dutzenden Medienvertreter.

Am späten Dienstagabend traf Michelle Martin am Kloster in Malonne ein - unter den wütenden Rufen einiger Dutzend Demonstranten.

(Foto: AP)

Die Komplizin und Exfrau des berüchtigsten belgischen Kindermörders ist am Dienstag in einem Zivilfahrzeug der Polizei nach Malonne gebracht worden, nachdem das höchste belgische Gericht zwei Berufungsanträge abgelehnt und Martins 30-jährige Haftstrafe nach 16 Jahren vorzeitig beendet hatte.

Die Freilassung der 52-Jährigen rief in Belgien wie erwartet Empörung und Unverständnis hervor. "Es gibt nur ein Wort dafür: Das ist absurd. Aber ich werde es akzeptieren müssen", sagte Pol Marchal, dessen 17-jährige Tochter An von Marc Dutroux ermordet wurde. Martins Anwalt Thierry Moreau sprach dagegen von einer schlichten "Anerkennung der Tatsache, dass wir in einem Land leben, wo für alle das gleiche Gesetz gilt - das finde ich sehr beruhigend".

Nach belgischem Recht können Straftäter unter Auflagen freigelassen werden, wenn sie ein Drittel ihrer Haftstrafe verbüßt haben. Die Regierung des sozialistischen Premiers Elio Di Rupo hatte nach Protesten angekündigt, dass dies in Zukunft in besonders schweren Fällen nicht mehr erlaubt sein soll. Die Angehörigen der Opfer sollen zudem mehr Rechte auf Anhörung erhalten.

Der Anwalt von Jean-Denis Lejeune, dessen achtjährige Tochter Julie in der Gewalt von Dutroux und Martin starb, hatte angekündigt, den Druck auf die belgische Politik zu erhöhen - und notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, um den Angehörigen von Opfern künftig mehr Mitspracherecht zu verschaffen.

Brief an die Peinigerin der Tochter

Lejeune schrieb zudem einen Brief an Martin, der belgischen Medienberichten zufolge in voller Länge in der Zeitung Paris Match veröffentlicht wurde. Darin fragt er noch einmal nach dem Wie und dem Warum ihrer Taten. Martins Anwalt Moureau sagte, seine Mandatin werde diesen Brief "nicht unbeanwortet lassen", werde ihre Antwort jedoch nicht in den Medien geben.

Martin war als Mittäterin ihres Ehemannes zu 30 Jahren Haft verurteilt worden und saß seit 1996 hinter Gittern. Ihr Exmann Marc Dutroux und sein Komplize Michel Lelièvre hatten in den neunziger Jahren sechs Mädchen entführt und gefoltert. Vier von ihnen starben. Martin trug eine Mitschuld, weil sie die beiden Mädchen Julie und Mélissa verhungern ließ, während ihr Mann wegen Diebstahls in Haft saß.

Seit der ersten Gerichtsentscheidung für Martins Freilassung gehen die Menschen im zentralbelgischen Malonne auf die Straße. Für die Überwachung des Klarissen-Klosters und dauerhafte Sicherheitsvorkehrungen rechnet die Polizei mit Kosten von 120.000 Euro im Monat; die belgische Zeitung L'Écho berichtet, dass in dem Dorf bislang Kosten in Höhe von 42.000 Euro angefallen sind. Für Mittwoch wurden vor dem Kloster der Ordensschwestern weitere Proteste erwartet.

© Süddeutsche.de/dpa/dapd/leja/gal
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