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Evakuierung nach Bombenfund in Koblenz:Düstere Kindheitserinnerungen

Viele Koblenzer machten am Sonntag trotz des Regens also einen Ausflug auf die nahen Weihnachtsmärkte oder besuchten Freunde. Die meisten Plätze in den sieben Notunterkünften, die für 12.000 Menschen ausgelegt waren, blieben leer. In der Sporthalle einer Berufsschule saßen vier alte Damen zusammen. "Als heute Morgen der Wagen durch die Straßen fuhr und ich die Lautsprecher-Durchsagen gehört habe, habe ich doch eine Gänsehaut bekommen", erzählt eine von ihnen, 77 Jahre alt, "da kamen Kindheitserinnerungen hoch." Es sei allerdings schon ihre dritte Evakuierung.

Bombenraeumung in Koblenz

Gespannte Ruhe: Während das Räumkommando in Koblenz am Sonntag eine britische Luftmine entschärfte, stand das Leben in der Sperrzone im Zentrum still.

(Foto: dapd)

In Koblenz, wie in vielen anderen deutschen Städten, werden noch häufig Blindgänger aus dem Krieg gefunden und ganze Stadtteile geräumt. Zuletzt traf es im Oktober 20.000 Menschen in Halle. Weil wohl noch Tausende Bomben im Boden liegen, suchen Experten oft alte Lichtbilder ab, ehe in Großstädten gebaut werden darf: Auf den Fotos sind kleine Einschlagskrater von Blindgängern zu sehen. An diesen Stellen müssen die Bauherren dann zuerst das Gelände erkunden lassen.

Alt und gefährlich

Besonders tückisch sind Blindgänger mit chemischen Langzeitzündern. Sie können auch 66 Jahre nach Kriegsende noch aktiviert werden, zum Beispiel durch die Bewegungen eines Baggers.

In Koblenz waren die Entschärfer im Sommer deshalb sichtbar nervös, als sie unweit einer Ikea-Filiale so eine Bombe fanden: Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Zeitzünder tatsächlich lief und es nicht mehr lange gedauert hätte bis zur Explosion. In Göttingen starben vergangenes Jahr drei Kampfmittelräumer bei ihrer Arbeit auf dem Schützenplatz.

Trotz ihres enormen Gewichts von 1,8 Tonnen war die Koblenzer Luftmine für Horst Lenz eine vergleichsweise einfache Aufgabe. Ihre Aufschlagzünder waren unbeschädigt und nicht korrodiert, er müsse sie im Grunde nur Herausdrehen, erzählte der 56-Jährige vor der Aktion. Wie viele Bomben rund um die Stadt noch herumliegen, kann er aber nicht sagen: "Es gibt einfach keine Schätzungen, die Hand und Fuß haben."

© SZ vom 05.12.2011/infu
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