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Europol:Ihr Verbrecherlein kommet

Verbrechersuche im Jahr 2016: Hinter Türchen Nummer 10 zum Beispiel kommt ein Franzose zum Vorschein, der einen Kollegen mit einer Axt ermordete; hinter Türchen 12 ein italienischer Mafioso.

(Foto: Europol)

Genial oder grenzwertig? Europol sucht Kriminelle mithilfe eines Online-Adventskalenders. Die Aktion hat bereits mehrere Hinweise eingebracht - und eine Verhaftung.

Von Markus Mayr

Hinter den Türchen eines Adventskalenders verbirgt sich meist Schokolade, manchmal auch nur ein Bildchen. Im besten Fall sind diese wenigstens schön anzusehen. Der Kalender der europäischen Polizeibehörde Europol jedoch ist kein solcher Fall. Zwar stellt Europol fest, dass der Advent "die schönste Zeit des Jahres" sei, nicht jedoch um besinnliche Weihnachtsbildchen zu zeigen - sondern um Verbrecher einzusperren.

Europol präsentiert im EU-Most-Wanted-Adventskalender, online seit dem 1. Dezember, täglich ein Fahndungsfoto eines mit europäischem Haftbefehl gesuchten mutmaßlichen Verbrechers. Die Fotos werden in kurzen, animierten Videoclips beworben, mit Musik wie aus einem weihnachtlichen Gruselfilm: Ein Lichtkegel sucht sich das Türchen des Tages, dahinter tritt das Antlitz des Flüchtigen hervor, eingerahmt von Handschellen, dann werden die ihm zur Last gelegten Verbrechen aufgelistet. Die Vorwürfe an die Gesuchten reichen von Mord über schwere Körperverletzung bis hin zu Brandstiftung oder Waffenschmuggel. Am Ende des Videos ergeht der Aufruf, doch mitzuhelfen, Europa im Jahr 2017 sicherer zu machen.

Verbrechersuche im weihnachtlichen Rahmen, kann das funktionieren? Anfrage bei Europol: Ja, kann es, die ersten Hinweise seien bereits eingegangen. Unlängst habe es die erste Verhaftung gegeben, die auf die Kalender-Aktion zurückgehe. In Amsterdam wurde ein Mann verhaftet, der 2008 in Großbritannien ein sechs Jahre altes Mädchen missbraucht haben soll.

"EU Most Wanted"

EU Most Wanted ist allerdings nicht neu. Eine Liste von europaweit öffentlich gesuchten Flüchtigen gibt es schon seit Ende Januar dieses Jahres im Netz. Seither wurden Europol-Sprecherin Tine Hollevoet zufolge 25 Gesuchte verhaftet. Auf die öffentliche Aufmerksamkeit, die der Adventskalender auf die gesuchten Kriminellen lenkte, geht bisher diese eine Verhaftung in Amsterdam zurück. Mehr als 200 000 Mal sind die Videos laut Hollevoet seit Anfang Dezember bereits geklickt worden. Sie hofft auf mehr. "Das einzige Ziel dieser Kampagne ist es, so viele dieser meistgesuchten Flüchtigen wie möglich hinter Gitter zu bringen", sagt sie.

Von Deutschland gesuchte Flüchtige werden indes nicht mithilfe der Adventsaktion im Gefängnis landen. Das Bundeskriminalamt (BKA) ist bisher nicht in das Projekt eingestiegen. Wie Bundespolizistin Sandra Clemens sagt, befinde sich das BKA noch in der Phase der Vorbereitung auf das Projekt "EU Most Wanted", das nach Weihnachten weiter gehen soll. Doch dass das BKA sich dem Projekt anschließen wird, an dem die nationalen Polizeibehörden der meisten EU-Mitgliedstaaten schon teilnehmen, gilt als sicher. Warum das BKA bislang gezögert hat? Liegt es womöglich an der reißerischen Aufmachung des Kalenders? Dazu äußert sich Clemens nicht. Produkte von Partnerbehörden würden grundsätzlich nicht bewertet, sagt sie.

Ungeachtet des Erfolgs der Aktion lässt sich darüber streiten, ob der knallige Stil, in dem sie daherkommt, nicht ein wenig geschmacklos ist. Hollevoet beteuert, dass das "niemals die Absicht war". Dass es ausschließlich darum gehe, Hinweise zu den flüchtigen Schwerverbrechern hinter den Türchen zu erlangen, die dem Leben ihrer Opfer ernsthaften Schaden zugefügt oder es gar zerstört hätten.

© SZ vom 13.12.2016/mane

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