Eskalierter Nachbarschaftsstreit in Neukölln:Berliner nehmen Abschied von erstochenem 18-Jährigen

Hunderte Berliner Moslems jeden Alters sind zur Beerdigung von Jusef El-A. gekommen, seine Todesumstände treiben sie auf die Straße. Ein deutscher Familienvater hat ihn nach einem Streit mit drei Messerstichen getötet. Die Justiz sprach von Notwehr und ließ den Mann laufen. Die Teilnehmer der Beerdigung macht diese Entscheidung ratlos.

Anja Perkuhn und Constanze von Bullion

Am Ende werden es viele hundert Menschen sein, die sich einreihen in diesen Zug der Bedrücktheit. Er schiebt sich am Columbiadamm in Berlin-Neukölln entlang, aus dem Hoftor einer Moschee hinaus auf die Straße, ein paar Meter weiter biegt er dann auf einen Friedhof ab. Berliner Moslems aller Generationen drängen sich hier, die meisten in Schwarz, junge Frauen mit blickdichten Sonnenbrillen, Mütter mit Köpftüchern, Alte umgeben von ihren Familien. Die meisten schweigen, einer sagt: "Wir sind ja nur Kanaken." Und eine andere: "Das war keine Notwehr."

Gedenken an Jusef el A.

Ein Foto des verstorbenen Jusef El-A. und zwei rote Rosen liegen vor einem Haus an der Fritzi-Massary-Strasse in Berlin - Neukölln. Der 18-Jährige wurde durch drei Messerstiche tödlich verletzt.

(Foto: dapd)

Auf dem Friedhof der Sehitlik-Moschee in Neukölln wird am Freitag Jusef El-A. begraben. Er starb mit 18 Jahren und nach einer Auseinandersetzung, die nicht nur diesen schwierigen Bezirk umtreibt, sondern auch den Rest der Stadt. Jusef El-A. wurde erstochen, von einem deutschen Familienvater, das muss man wissen, um zu verstehen, warum so viele Menschen am Freitag zur Sehitlik-Moschee kommen. Die meisten haben den Toten gar nicht persönlich gekannt.

Jusef El-A. kam bei einer Auseinandersetzung um, die mit einem banalen Streit auf den Fußballplatz begann. Die Spieler gerieten da aneinander, irgendwann gab es Schläge. Sven N. und Oliver H., zwei Familienväter, die offenbar mitgespielt hatten, sagten später, sie hätten versucht, den Streit zu schlichten. Andere sagen, sie hätten geprügelt, einem Jugendlichen ein blaues Auge verpasst.

Dann sollen die beiden abgehauen sein, in eine Wohnung, vor der sich anderthalb Stunden später eine zornige Menschenmenge sammelte. Etwa 20 junge Männer, die meisten aus libanesischen und türkischen Familien, sollen sich da mit Messern und Knüppeln aufgebaut haben.

Manche befürchten Vergeltung

Die Polizei rief niemand, oder sie kam lange nicht. Auch Sven N. verließ sich offenbar lieber auf seine eigenen Kräfte, er soll in der Wohnung ein Küchenmesser und einen Hammer gepackt haben und auf die Straße gegangen sein. Ein Zeuge sah ein Handgemenge, Sven N. sei zu Boden gegangen und habe um sich gestochen. Jusef El-A. traf er dreimal, er starb.

Notwehr, befand die Staatsanwaltschaft, die Sven N. auf freien Fuß setzte. Er hat einen Schädelbruch und versteckt sich. Die Stimmung ist nicht gut in Neukölln, manche befürchten schon Vergeltung. "Einen Türken oder Araber hätten die nach so einer Messerstecherei sofort eingesperrt", sagt ein Mann bei der Beerdigung. Von Rachestimmung aber ist hier nichts zu spüren.

Besuch in der "Weißen Siedlung" an der Sonnenallee in Neukölln, es ist kaum jemand zu sehen in der Fritzi-Massary-Straße - der Straße, in der es passiert ist. Die Häuserblöcke sind bunt angemalt, damit sie fröhlicher wirken, wenigstens ein bisschen. Hier liegen Blumen und hier steht Malik, seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Er ist, so sagt er, ein Cousin des Toten, und er war dabei, als es hier am Sonntag laut wurde. Er sei dem Aufruf von ein paar Kumpels aus der Siedlung gefolgt, sagt er, man solle sich vor dem Wohnhaus treffen.

Nein, sagt Malik, er habe nicht mitgemischt bei dieser Belagerung der Wohnung, in der Sven N. und sein Freund Oliver H. sich verbargen. Er habe nur zugesehen, sagt Malik, von einem Laubengang in der ersten Etage des gelben Gebäudes aus. Unten habe er Sven N. gesehen, wie er auf dem Weg seinen Cousin mit dem Messer traf. Drei Mal. "Und dann ist einfach ein Leben vorbei, für nichts."

Es gibt jetzt viele hier im Kiez, die von sich behaupten, etwas gesehen zu haben. Aber es gibt nur wenige, die der Polizei davon erzählen wollen. Es hat sich inzwischen auch herumgesprochen, dass der 34-jährige Sven N. vor ein paar Jahren zu einer Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde. Ein aggressiver Typ, erzählen Nachbarn den Reportern. Wer dann nachfragt, woher sie das wissen, hört, das habe doch in der Zeitung gestanden.

Der Wunsch nach dem Ende der Gewalt

Aber es gibt auch viele, die sich bemühen, die Wogen zu glätten. Der Jugendbeirat des Viertels hat in einem Brief seine Trauer ausgedrückt. Jusefs Vater ist in einen Jugendclub gegangen und hat eindringlich darum gebeten, jetzt keine Rache üben zu wollen. Er nehme das Schicksal seines Sohnes an. "Sein einziger Wunsch ist, dass die Gewalt aufhört und niemand etwas Unüberlegtes tut", steht in dem Brief des Jugendbeirats.

Auch bei der Beerdigung ist die Stimmung keineswegs aggressiv. Es herrscht eher Ratlosigkeit. Ehemalige Klassenkameraden des Toten stehen da, sie haben mit ihm eine Ausbildung als Sicherheitsleute absolviert. "Ein wunderbarer Typ", sagt einer. "Ich glaube, er wollte schlichten." Warum, fragt eine junge Frau, ist es eigentlich Notwehr, wenn einer ein Küchenmesser packt und damit aus dem Haus rennt? "Da nehme ich in Kauf, jemanden zu schädigen, das heißt Vorsatz." Dann setzt sich die Menge in Bewegung, ganz leise. Es sind jetzt wirklich sehr viele geworden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB