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Entführte Deutsche im Jemen:"Ich ermutigte ihn, die Bibel zu lesen"

Über den Grund für die Entführung von neun Deutschen in Jemen wird heftig spekuliert - einem Bericht zufolge könnte der Tat ein Streit über die Missionierung von Muslimen zugrunde liegen.

Christliche Missionierungsversuche könnten der Grund für die Entführung von neun Deutschen im Jemen sein. Einem Bericht des Spiegels zufolge hat der Krisenstab des Auswärtigen Amtes hat Erkenntnisse, wonach es zwischen aufgebrachten Muslimen und dem deutschen Techniker Johannes H. zu einem heftigen Streit kam. Sie sollen ihn aufgefordert haben, seine Missionierungsversuche einzustellen.

Soldat vor einem Gebäude in Wadi Dahr

(Foto: Foto: AFP)

Der Mann aus Sachsen, so der Bericht weiter, habe den Vorfall in einem Rundbrief an Freunde in Deutschland geschildert. Danach habe er in einem Teehaus in Saada einen Muslim kennengelernt und mit ihm spirituelle Gespräche geführt. "Außerdem", wird Johannes H. zitiert, "ermutigte ich ihn, die Bibel zu lesen."

Nach einiger Zeit sei allerdings der Bruder des Mannes in dem Krankenhaus in Saada erschienen, in dem Johannes H. und seine Frau Sabine arbeiteten, und habe ihm gedroht, ihn bei den geistlichen Autoritäten anzuzeigen. Der Missionsversuch, habe der Mann zu H. gesagt, sei bereits Diskussionsthema in den Moscheen. Diese Warnung soll der Vater von drei kleinen Kindern aber kaum beachtet haben.

Auch in den Hinterlassenschaften der von den Entführern erschossenen deutschen Frauen Rita S. und Anita G. aus dem westfälischen Lemgo fanden die Ermittler dem Bericht zufolge Missionsschriften.

Laut Spiegel geht der Krisenstab mittlerweile davon aus, dass die Deutschen vor Ort als Missionare bekannt waren. Auf den Aufenthalt im Jemen hätten Johannes H. und seine Ehefrau sich unter anderem im hessischen Ort Eppstein bei Wiesbaden vorbereitet, bei einer Organisation namens "Weltweiter Einsatz für Christus", die Mitglied in der "Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Missionen" ist. Laut Konzept sieht die Gruppe ihren Auftrag "vor allem in der Evangelisation der noch unerreichten Völker der Welt".

Am Freitag voriger Woche hatten Unbekannte eine fünfköpfige Familie, zwei deutsche Pflegehelferinnen, eine südkoreanische Lehrerin und einen britischen Ingenieur entführt. Die beiden Helferinnen und die Südkoreanerin wurden von den Geiselnehmern getötet. Von den restlichen Geiseln fehlt bislang jede Spur.

Bundeswehr prüft Einsatz von Aufklärungsflugzeugen

Wie die Onlineausgabe des Focus berichtet, prüft die Bundesregierung für die Suche nach den fünf vermissten Deutschen den Einsatz von Aufklärungsflugzeugen der Bundeswehr. Es solle geklärt werden, ob entsprechend ausgerüstete Tornado-Jets beim Aufspüren der Geiseln helfen könnten und ob es eine Genehmigung für deren Einsatz gebe.

Die Regierung des Jemen hatte bisher unter anderem Hubschrauber für die Suchaktion nach dem Versteck der Entführer eingesetzt. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Indes hat der Verfassungsschutz erklärt, mit weiteren Geiselnahmen von deutschen Staatsbürgern im Ausland zu rechnen. Angesichts der Entführung im Jemen sagte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, dem Focus, es sei davon auszugehen, dass al-Qaida Deutsche im Ausland gezielt ins Visier genommen habe. Die jüngsten Mordanschläge und die Entführung im Jemen passten in dieses Bild.

"Wir sind überzeugt, dass eine sehr reale Gefahr für Deutschland und deutsche Ziele im Ausland besteht", wird Fromm zitiert. Al-Qaida und ihr nahe stehende Organisationen versuchten derzeit, Druck auf politische Entscheidungen in Deutschland auszuüben. In erster Linie gehe es um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, dessen Beendigung die Terroristen herbeiführen wollten.

© sueddeutsche.de/AP/AFP/aho/gal
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