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Drogen:Wirr am Rand der Heide

Homöopathie ist ein lukratives Geschäft.

Die Popularität der Homöopathie ist ungebrochen.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Im Herbst 2015 irrten 27 Heilpraktiker nach einem Seminar im Drogenrausch durch ein Waldgebiet. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben - gegen die Organisatoren.

MünchenDas Tagungszentrum Inzmühlen am Rande des Naturparks Lüneburger Heide ist eigentlich ein sehr beschaulicher Ort. Ein altes, reetgedecktes Bauernhaus unter wuchtigen Eichen. Vor etwas mehr als einem Jahr musste dieser Ort aber plötzlich als Kulisse eines zombiehaften Szenarios herhalten, erwachsene Menschen wälzten sich da auf dem Boden, schrien, irrten, krampften. Die meisten waren weggetreten, nicht ansprechbar, einige sogar in Lebensgefahr. Der Einsatzleiter der Rettungskräfte sagte dem NDR damals, er habe noch "nie Menschen in einem derart schlimmen Zustand erlebt".

Haben die Seminarleiter Verbindungen zu einer Sekte?

Die Nachricht machte schnell die Runde, es war ja auch kurios, was dort passiert war: Ein Seminar für Heilpraktiker und Homöopathen hatte im Massenrausch geendet, die Teilnehmer hatten mit Drogen experimentiert. Der Versuch der Bewusstseinserweiterung aber war offensichtlich fundamental nach hinten losgegangen. Erweitert war am Ende höchstens das Bewusstsein der Rettungskräfte, dafür nämlich, was alles so passieren kann im beschaulichen Inzmühlen am Rande der Lüneburger Heide.

Die Staatsanwaltschaft Stade hat nun Anklage erhoben gegen die beiden Organisatoren des Seminars, eine 49-jährige Heilpraktikerin aus Aachen und ihren 51 Jahre alten Ehemann, einen Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten. Dem Paar werde unter anderem der Besitz von Drogen vorgeworfen, ließ Oberstaatsanwalt Kai Thomas Breas wissen. Bei einer Verurteilung erwarte die beiden außer einer Haftstrafe auch ein Berufsverbot. Laut Anklage haben die Angeschuldigten bei dem Seminar Drogen verteilt, es soll um "persönliche Selbsterfahrung" und die "Förderung der Bewusstseinsentwicklung" im Rahmen einer sogenannten Psycholyse gegangen sein. Verfechter der Methode wollen mit Rauschgiften das Bewusstsein derart erweitern, dass Konsumenten ihre Ängste bezwingen und Traumata besiegen können.

Im Fall der betroffenen Seminarteilnehmern fanden die Ermittler Spuren des Halluzinogens "2C-E", das in Szenekreisen auch als "Aquarust" bekannt ist. Das Psychedelikum verändere die Bewusstseinswahrnehmung, heißt es, unterdrücke Hungergefühle und steigere das Selbstbewusstsein. In Deutschland ist die Droge seit Dezember 2014 verboten. Die 27 Seminarteilnehmer wurden nach dem Vorfall in den umliegenden Krankenhäusern behandelt, die meisten litten unter Krampfanfällen, Herzrasen und Atemnot, andere unter Wahnvorstellungen und Psychosen. Die Betroffenen selbst haben keine Strafverfolgung zu befürchten, ein Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, erklärte Oberstaatsanwalt Breas. Der Grund: Der bloße Konsum von Betäubungsmitteln sei straffrei.

Spekuliert wird über die Hintergründe der Angeschuldigten. Laut Breas legen Ermittlungsergebnisse nahe, dass die beiden Sympathisanten der sogenannten Kirschblütengemeinschaft sind. Die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche stuft diese als "problematisch" ein, Kritiker sprechen von einer Sekte.