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Dioxin-Skandal:Ein bisschen Kontrolle

Die Krux mit der Transparenz: Jedes Bundesland regelt die Stichproben in Futtermittel-Betrieben anders. Kritiker pochen auf mehr Personal und Einheitlichkeit.

Michael Bauchmüller, Berlin

Das Aus für die Bioputen von Berthold Franzsander, es kommt eher zufällig. Man sieht den Tieren ja nicht an, was sie gegessen haben, ob es nun Biokost war oder normale. Nur werden die Kontrolleure der nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzbehörde stutzig, als sie Franzsander 2008 auf der Kundenliste eines Raiffeisen-Futtermittelhandels finden - für Putenfutter, das nicht Biokriterien entspricht. Es ist das Ende für das ostwestfälische Ökogeflügel-Imperium, für einen Pionier der Biozucht. Und es bleibt bis heute einer der wenigen Fälle, in denen die Kontrolleure einen ganz großen Fisch fingen. Meistens gehen sie leer aus.

Mast-Puten stehen in einem Gehege

Mast-Puten stehen in einem Gehege

(Foto: ddp)

Etwa 15.000 Mal besuchen in Deutschland jährlich Kontrolleure die Höfe und Betriebe, immer auf der Suche nach kleinen und großen Schweinereien. Gemessen an den gut 350.000 Betrieben, die in Deutschland mit Futtermitteln umgehen, es herstellen, vertreiben, verfüttern, ist das vergleichsweise wenig. Sie kommen mit einem Köfferchen, nehmen Proben, schauen hier und da in die Bücher. Für 2009 etwa zählt die "Jahresstatistik über die amtliche Futtermittelüberwachung" 2290 Tests auf Dioxine in Futtermitteln. Beanstandungen gab es in jedem hundertsten Fall.

"Wir kontrollieren flächendeckend", heißt es im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, "aber wir können nicht jeden Sack kontrollieren." Das Ganze sei letztlich wie Autofahren ohne Führerschein: "Da ist auch das Gesetz da, wird aber nicht eingehalten." Und längst nicht jeder Fahrer ohne Lappen gerate in die Hände der Polizei.

Auch der jüngste Fall geht nicht auf gewiefte Beamte zurück, sondern auf die Eigenanzeige des Herstellers. Der hatte bei einer Routinekontrolle die erhöhten Dioxinwerte festgestellt und dann die Behörden verständigt. "Es wäre unmöglich, das alles über staatliche Kontrollen zu regeln", sagt auch Jutta Jaksche, Lebensmittelexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. "Ohne Eigenkontrollen geht es nicht."

An Regeln, Statistiken, Vorschriften mangelt es nicht bei Futtermitteln. Sie kommen aus Brüssel und aus Berlin, mit jedem neuen Skandal wurden sie in der Vergangenheit verschärft. Nur wird nicht jeder deutsche Agrarbetrieb gleich scharf kontrolliert, denn der Vollzug der Vorschriften ist Sache der Länder und damit nicht einheitlich. Meist delegieren sie einen Großteil der Kontrollen an die Veterinärbehörden der Kommunen.

"Wenn wir das für ein Land wie Nordrhein-Westfalen alles auf Landesebene organisieren würden, wäre das ja eine Riesenbehörde", sagt etwa ein Sprecher des dortigen Landwirtschaftsministeriums. Doch auf kommunaler Ebene mangele es häufig an Personal. Es gebe ein Vollzugsproblem, räumt das Ministerium ein. "Wir haben ein Problem mit zu wenig Kontrolleuren", so der Sprecher.

Das Problem stellt sich von Land zu Land anders dar. So zählten die Verbraucherzentralen im vorigen Jahr im Land Niedersachsen zwölf Kontrolleure je tausend Betriebe - in Baden-Württemberg dagegen nur einen. Das mag zwar auch damit zusammenhängen, dass Betriebe in Niedersachsen im Schnitt größer sind als in Baden-Württemberg, offenbart aber auch die Unterschiede in der Praxis. Es sei fraglich, ob in jedem Land der Verbraucherschutz wichtiger sei als die Wirtschaft, heißt es in einem der Länder. Verhindert die Agrarlobby striktere Kontrollen? Beweisen lässt es sich nicht.

"Das Problem ist einfach zu komplex"

Allerdings ist die Effektivität der Kontrollen nicht allein davon abhängig, wie viele Kontrolleure sich an der Überwachung beteiligen - sondern auch davon, wie sie es tun. Seit einigen Jahren vollzieht sich ein Strategiewechsel in der Kontrolle: Es geht nicht mehr um massenhafte Tests, sondern um Überprüfungen an richtiger Stelle. "Wo das Risiko hoch ist, müssen wir mehr kontrollieren", heißt es etwa im Düsseldorfer Ministerium. Ganz gezielt könnten so vor allem Unternehmen überprüft werden, die am Beginn der Verwertungsketten stehen. Oder, um im Beispiel zu bleiben: da, wo das Dioxin den Weg ins Futter nimmt.

Ähnliches fordern Verbraucherschützer. Die Trefferquote von Kontrollen wäre so auch weniger eine Frage des Stichprobenglücks als eine der Recherche. "Dazu brauchen wir Leute, die Stoffströme analysieren können", sagt Lebensmittelexpertin Jaksche. Das allerdings lasse sich nicht mehr wie bisher allein durch die Länder organisieren. "Die müssen von oben gucken können", sagt sie. "Das Problem ist einfach zu komplex."

© SZ vom 05.01.2011/odg

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