Der Fall des Roma-Mädchens Maria Das Verharren in alten Vorurteilen

Die Spekulationen überschlagen sich. Suchmeldungen werden herausgegeben, Eltern von vermissten Kindern schicken Genproben an die griechische Polizei. Währenddessen versucht Marietta Palavra, die Anwältin von Marias Zieheltern, zu beschwichtigen: Dass Eleftheria Dimopoulou falsche Papiere habe und für zu viele Kinder Kindergeld beziehe, mache sie noch lange nicht zur Kidnapperin.

Es hilft nichts: Das Bild der Kinder stehlenden Roma zieht seine Kreise. Etwa eine Woche nach der Verhaftung von Marias Zieheltern stürmen Polizisten in Irland die Häuser zweier Roma-Familien und entziehen ihnen ihre blonden Kinder. In beiden Fällen beweisen DNA-Tests, dass die Kinder zu den Familien gehören. In Serbien versuchen Skinheads, einem Roma-Vater seinen blonden Sohn zu entreißen. Erst als er die Polizei rufen will, lassen die Männer von dem Kind ab. In Italien verlangen Politiker der rechtspopulistischen Lega Nord von der Regierung, italienische Roma-Lager präventiv nach blonden Kindern abzusuchen.

Dieses Foto von der etwa fünfjährigen Maria gab die griechische Polizei an die Presse.

(Foto: dpa)

"Das ist schlicht Rassismus", sagt Literaturwissenschaftler Bogdal. Auch Dezideriu Gergely, Leiter des europäischen Zentrums für Roma-Rechte (ERRC) in Budapest, kritisiert Behörden und Medien der betroffenen Länder scharf. Was die griechische Polizei getan hätte, sei "racial profiling" - Kontrollen und Vorurteile auf der Basis von äußerlichen Merkmalen. "Das verstärkt die Klischees nur und hilft der Roma-Debatte in Europa überhaupt nicht", so Gergely. Die Roma hätten Angst - um sich, um ihre Kinder. Das Kinderraub-Klischee funktioniere in Wirklichkeit anders herum: Roma-Kinder würden sehr viel häufiger ihren Eltern weggenommen als andere Kinder. "In der Slowakei zum Beispiel leben etwa neun Prozent Roma. Unter den Kindern in staatlicher Obhut sind aber mehr als 80 Prozent Roma."

Annahmen statt Fakten

Kein Vorurteil, sondern die Armut der Familien sei die Ursache für solche Zahlen, rechtfertigen sich Behörden. Etwa 90 Prozent der europäischen Roma-Familien leben unterhalb der Armutsgrenze, zeigt eine Untersuchung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) in elf EU-Staaten aus dem Jahr 2012. Roma-Vertreter Gergely kritisiert: Die meisten staatlichen Stellen würden einfach davon ausgehen, dass Roma nicht in der Lage oder nicht Willens seien, ihre Kinder groß zu ziehen. "Es ist gefährlich, wenn Behörden sich stärker auf Annahmen als auf Fakten berufen."

Bleibt die Frage, ob Armut der alleinige Grund sein darf, einem Elternpaar die Kinder zu entziehen. In Deutschland ist das nicht der Fall: Hier kümmert sich das Jugendamt um die Versorgung der Kinder, wenn die Eltern das nicht vermögen. Erst wenn sich Eltern trotz der staatlichen Unterstützung als unfähig erweisen, ihre Kinder zu versorgen, kann das Jugendamt die Kinder aus der Familie nehmen.

Maria mag bei ihrer Entdeckung in der Roma-Siedlung nicht so ausgesehen haben, wie sich wohlhabende Europäer ein Kind vorstellen, dem es rundum gut geht: zu schmutzig die Hände, zu ängstlich der Blick. Doch zumindest von Unterversorgung konnte keine Rede sein. Die Athener Kinderhilfsorganisation, die Maria in Obhut nahm, meldete, das Mädchen sei bei guter Gesundheit.

Marias Schicksal ist ungewiss

Am Ende stellt sich die Erklärung der Zieheltern als wahr heraus. Ein DNA-Test bestätigt am 25. Oktober, dass Sascha Russewa, eine 35-jährige Bulgarin, Marias leibliche Mutter ist. Russewa, ebenfalls eine Roma, hat neben Maria neun weitere Kinder, darunter mehrere mit blondem Haar und heller Haut. Ihre Geschichte deckt sich mit jener von Marias Zieheltern. Und: Russewa beharrt wie die Zieheltern darauf, dass kein Geld geflossen ist. Der Vorwurf der Kindesentführung dürfte damit vom Tisch sein, genau wie der des Kinderhandels.

Eleftheria Dimopoulou und Christos Salis sitzen weiterhin in Haft, die Dokumentenfälschung ist nicht von der Hand zu weisen. Das Schicksal ihrer Pflegetochter ist unklar: Sowohl die biologischen als auch die Zieheltern wollen Maria zurück, außerdem mischen sich griechische und bulgarische Behörden ein. Maria könnte in ein bulgarisches Kinderheim oder zu Pflegeeltern kommen. Vielleicht wird es ihr besser, vielleicht schlechter gehen als bei ihren bisherigen Eltern. Der Fall Maria ist kompliziert - genau wie die Situation der Roma in Europa.