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80. Geburtstag des Dalai Lama:Heiliges Kichern

Exiltibeter feiern den Geburtstag des Dalai Lama in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. In Tibet hat die chinesische Regierung alle Feiern untersagt.

(Foto: AFP)

Er sieht den Terror, das Elend, die Gier. Doch wenn er spricht, erzählt er immer einen Witz: Der Dalai Lama wird 80 Jahre alt. Sein Volk feiert ihn - und geht dabei ein Risiko ein.

Von Karin Steinberger

Der Dalai Lama feiert jetzt schon eine ganze Weile. Am 21. Juni fing alles mit einer Long Life Offering Zeremonie zu seinem 80. Geburtstag in Dharamsala in Indien an. Der fünfte Tag des fünften Mondes, nach dem tibetischen Kalender ist das sein Geburtstag. Ein paar Tage später stand er mit Patti Smith in Glastonbury, England, auf der Bühne und sagte, dass er ihre Stimme und ihre Bewegungen bewundere, er sei ja jetzt schon 80, aber "ich sollte mehr sein wie sie". Im George W. Bush Presidential Center in Dallas blies er bald darauf die Kerzen aus auf der Geburtstagstorte, die ihm der ehemalige US-Präsident George W. Bush bringen ließ, und sah sich im Presidential Museum das Porträt an, das George W. Bush von ihm gezeichnet hatte: "An den Augen könnte man noch arbeiten."

Der 14. Dalai Lama wird an diesem Montag 80 Jahre alt, aber er wird schon seit zwei Wochen besungen, beklatscht, berührt - eigentlich schon fast ein Leben lang. 1937 erkannte eine aus hochrangigen Mönchen bestehende Findungskommision in dem rotbäckigen Jungen die Wiedergeburt des transzendenten, Buddha-gleichen "Bodhisattva des universellen Mitgefühls". Es gibt Bilder von dem kleinen Jungen Lhamo Döndrup, Sohn einer Bauernfamilie, er steht da mit steifen Kleidern, die Ärmel so lang, dass man nicht einmal seine Finger sieht, ein ernster, trauriger Blick. Zwei Jahre später brachten sie das Kind in den Potala-Palast in Lhasa und erklärten ihn unter dem Namen Tenzin Gyatso zum 14. Dalai Lama. Da war er vier Jahre alt.

Es dürfte nicht viele Menschen geben, die eine derartigen Sprung aus der Bedeutungslosigkeit in einen gottgleichen Status mit einer derartigen Bescheidenheit wegstecken. Viele kippen ja schon in den Größenwahn, wenn der Chef sie lobt. "Vor dem Dalai Lama bin ich Tibeter, und vor dem Tibeter bin ich Mensch", sagt der Dalai Lama. Und nein, er habe keine heilenden Kräfte, könne auch keinen Segen erteilen, aber er versuche zu helfen. Wenn er redet, fliegt seine Stimme oft in bemerkenswerte Höhen, er kichert, gestikuliert, er sieht den Terror, das Elend, die Gier dieser Welt, und spricht vom Meer der Feinfühligkeit, das darunter liegt. Er redet über Achtsamkeit, Liebe, und irgendwann erzählt er immer einen Witz. Es gibt auch jetzt von der Geburtstagswelttour Fotos von George W. Bush und dem Dalai Lama, die beiden platzen fast vor Lachen. Aber zwischen all dem Geplänkel spricht er von ethischen Prinzipien, von der Einheit der Menschheit. Und dann spricht er von seinem Volk und von Tibet.

Ein Bild von ihm aufzustellen ist gefährlich

Zwei Wochen, bevor jetzt der Rest der Welt den 80. Geburtstag des Dalai Lama feiert, feierte sein Volk. Und vielleicht muss man sich einfach nur die Fotos ansehen, die von Tibet aus mit großem Mut ins Netz gestellt wurden und die seit dem 21. Juni durch das Internet schwirren, um diesen Mann ganz zu verstehen. Verwaschene Fotos von Menschen, die irgendwo im weiten Grün der tibetischen Hochebene einen Schrein aufgebaut haben, davor Opfergaben und mit Yakbutter gefüllte Lampen und ein Bild des Dalai Lama. Man sieht Männer, die in ihren Häusern vor seinem Bild knien, Mönche, die Gebetsschals über sein Porträt hängen, Frauen, die Opfergaben vor sein Bild stellen. Ihre Gesichter sind gepixelt, die Häuser unkenntlich. Für ihn zu beten ist gefährlich. Ein Bild von ihm aufzustellen ist gefährlich. Seit 1996 gibt es in Tibet ein Verbot der Bilder des Dalai Lama. Die Chinesen bezeichnen ihn als "Separatisten", der das Land spalten wolle, als einen "Wolf im Schafspelz".

Die chinesischen Behörden hatten am 21. Juni alle Menschenansammlungen und Geburtstagsfeiern untersagt. Trotzdem tauchten überall Bilder des Dalai Lama auf, die Tibeter legten Blumen davor und türmten Äpfel zu anmutigen Haufen und summten Gebete für sein langes Leben. Sie wissen, dass man sie deswegen morgen abholen kann. Sie tun es trotzdem.

Die Nachrichten, die mit den Bildern in die Welt kommen: Der 25-jährige Tsering Dondrub wurde verhaftet, nachdem er Bilder der tibetischen Flagge und des Dalai Lama auf seinen WeChat-Account gestellt hat. Menschen wurden von chinesischen Beamten davon abgehalten, in Klöster zu gehen, Handys wurden konfisziert.

Es sind Bilder aus einem Land, in dem der Dalai Lama am 6. Juli 1935 geboren wurde und das er am 17. März 1959 für immer verließ. Er war 15 Jahre alt, als ihm neben der religiösen auch die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen wurde, kurz danach drang die Befreiungsarmee der Volksrepublik China in Tibet ein, als 16-Jähriger unterzeichnete er in Peking ein Autonomieabkommen, an das sich China nicht hielt. Als es 1959 zum Volksaufstand kam, den die Chinesen brutal niederschlugen, floh der Dalai Lama mit Tausenden Tibetern ins indische Exil. Er schreibt: "Wenn man mit sechzehn sein Land verliert und mit vierundzwanzig zum Flüchtling wird wie ich, bringt das Leben eine ganze Menge Schwierigkeiten mit sich."

Ein Nachfolger? Er sehe da keine Notwendigkeit, sagt der Dalai Lama

Er sei, sagte der Dalai Lama einmal, 1950 an die Macht gekommen und wollte gleich mit Reformen beginnen, er wollte Veränderung, aber noch war sein Volk nicht bereit. Als er nach Indien kam, installierte er eine Exilregierung und setzte sich ein für Verhandlungen mit der chinesischen Regierung zur Lösung des Tibetproblems. Als er 1987 dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses einen Fünf-Punkte-Friedensplan für Tibet vorstellte, zwangen die Chinesen 14 000 Tibeter in Lhasa, bei der Hinrichtung von zwei Landsleuten zuzusehen. In Straßburg 1988 überraschte der Dalai Lama die Welt - auch die Tibeter - mit der Erklärung, er sei bereit, auf die Unabhängigkeit Tibets zu verzichten und China die Verteidigung und die Außenpolitik zu überlassen, wenn Peking Tibet dafür eine reelle Autonomie zugestehe. Tibet als Friedenszone, der "Mittlere Weg". Die Chinesen sagten erst, sie wollen verhandeln, dann zogen sie ihr Angebot zurück, nach friedlichen Demonstrationen in Lhasa verhängte Peking das Kriegsrecht über die tibetische Hauptstadt. Der Dalai Lama bekam den Friedensnobelpreis.

Egal, wie oft die Chinesen ihn zurückwiesen, wie oft sie seine Gesandten abblitzen ließen, wie oft sie die tibetische Gesellschaft als Feudalgesellschaft beschimpften: Er reichte ihnen immer wieder die Hand. Und währenddessen schafften sie Realitäten, bauten eine Zugverbindung hinauf nach Lhasa, die Millionen Chinesen in das Land spülte und die Tibeter bald zu einer Minderheit im eigenen Land machen könnte. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking sprach er sich gegen einen Boykott aus. Der Westen turnte ohnehin brav mit. 2011 legte er die weltliche Macht ab und beendete eine uralte tibetische Institution. 2014 gab der Dalai Lama ein Interview, in dem er sagte, dass er keine Notwendigkeit sehe für einen Nachfolger. Oder er komme als neckische Blondine zurück.

Sieht nicht so aus, als wäre er müde, und auch wenn in Dharamsala unter den jungen Exiltibetern immer mehr nicht mehr an den gewaltfreien Widerstand glauben: Noch ist der Dalai Lama da. Es war jetzt in Dharamsala, bei seiner allerersten Geburtstagsfeier zum 80., als er sagte: "Ich hoffe, ihr seid wieder dabei, wenn ich meinen 90. Geburtstag feiere." Seine Ärzte jedenfalls sind zuversichtlich.

© SZ vom 06.07.2015/olkl
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