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Coronavirus:"Ich war seit drei Monaten nicht in China"

Coronavirus Reaches Possible Pandemic

Berlin: Menschen asiatischer Abstammung beklagen Diskriminierung wegen des Coronavirus.

(Foto: Getty Images)

Seit Ausbruch des Coronavirus beklagen asiatisch aussehende Menschen Diskriminierung. In Berlin hat eine Ärztin eine Chinesin nicht in ihre Praxis gelassen.

Dass sich die Tür ihrer Frauenarztpraxis nicht öffnen ließ, empfand Sammi Yang zunächst als nicht weiter ungewöhnlich. "Ich dachte, die Sprechstundenhilfen sind beschäftigt", sagt sie nun, einige Tage später am Telefon. Yang ist Chinesin, lebt seit 2015 in Deutschland und ist mit einem Deutschen verheiratet. Sie war an diesem Freitag in Berlin eine Stunde zu früh dran für ihre jährliche Routineuntersuchung. "Die Praxis hatte vorher versucht, meinen Mann zu erreichen, dessen Telefonnummer hinterlegt war", erzählt sie. Da sie aber ohnehin gerade in der Gegend gewesen sei, lief sie einfach bei der Ärztin vorbei, statt zurückzurufen. Der Beginn dieser Geschichte, wie Yang sie schildert.

Kurz darauf sei die Ärztin zu ihr vor die Tür gekommen. "Ihr erster Satz war: Bitte nehmen Sie das nicht persönlich", sagt Sammi Yang. Und dann kam ihr zufolge diese Aussage: Ihre Ärztin könne sie wegen des Coronavirus leider nicht in die Praxis lassen. Die Gynäkologin habe um Verständnis gebeten: Immerhin seien einige Patientinnen schwanger, sie wolle kein Risiko eingehen. "Ich habe das erst sogar verstanden, wir haben darüber gesprochen, dass ich in einigen Wochen einen neuen Termin ausmachen werde."

Erst als Yang etwas später einen Routinetermin beim Zahnarzt wahrnahm und dort selbstverständlich in die Praxis gelassen wurde, hinterfragte sie das Verhalten der Frauenärztin - und erzählte ihrem Mann davon. "Er hat gesagt, dass sie kein Recht dazu hat, mich auszuschließen, nur weil ich Chinesin bin."

Was das Ehepaar ärgert: Die Ärztin habe Yang nicht einmal gefragt, ob sie kürzlich in ihrer Heimat war. "Ich war seit drei Monaten nicht in China", sagt Yang. "Sie hätte ja auch meine Temperatur messen, mich zu meinem Gesundheitszustand befragen können, aber nichts davon hat sie getan." Stattdessen sei sie schlicht wegen ihrer Nationalität nicht in die Praxis gelassen worden. "Ich habe darüber auch in den sozialen Medien geschrieben - und meine Freunde meinten, das sei rassistisch", sagt sie.

"Die Leute haben eben Angst, sind schlecht informiert"

Yang ist damit ein Fall in einer Debatte, die schwelt, seit das Coronavirus vor einigen Wochen ausgebrochen ist. In Frankreich beklagten asiatisch aussehende Menschen unter #jenesuisunvirus Diskriminierung, in Deutschland lautet der Hashtag #ichbinkeinvirus. Menschen asiatischer Abstammung berichten, wie sich Leute auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Arbeit von ihnen abwenden, nicht mit ihnen sprechen wollen. Sammi Yang teilt diesen Eindruck.

"Die Leute haben eben Angst, sind schlecht informiert", sagt sie. Dieses Verhalten bekümmere sie, doch sie versuche, es nicht persönlich zu nehmen. "Es ist aber ein Unterschied, ob ein Passant auf der Straße nicht mit mir sprechen will - oder ob eine Ärztin sich so verhält." Mediziner, so sagt sie, hätten eine besondere Verantwortung gegenüber Patienten und sollten besser über das Virus, seine Verbreitung und die Möglichkeiten, eine Ansteckung zu verhindern, informiert sein als der Rest der Bevölkerung. "Wenn Ärzte Asiaten nicht mehr in die Praxis lassen, kann das schließlich gefährlich werden." Deswegen habe sie sich an die Öffentlichkeit gewandt.

Yang sagt, sie hätte die Situation gern mit der Ärztin geklärt: "Ich will ihr keine Schwierigkeiten machen." Sie habe versucht, die Ärztin anzurufen, sei jedoch von der Sprechstundenhilfe abgewimmelt worden. Auch auf eine Mail ihres Mannes habe die Praxis nicht zufriedenstellend reagiert.

Die Frauenärztin sagt auf Anfrage der SZ, sie könne sich zu einzelnen Patientinnen aus Gründen der Schweigepflicht nicht äußern. Jedoch sei ihre Praxis seit Ausbruch des Coronavirus aus Sorge um schwangere Patientinnen und Kinder zu folgendem Prozedere übergegangen: Chinesische Patientinnen, die bereits einen Termin vereinbart hatten, rufe man vor dem Termin an, um Risikofaktoren abzuklopfen. Gab es einen China-Aufenthalt? Kontakt zu Personen, die mit dem Coronavirus infiziert sein könnten? Sollte keine Telefonnummer hinterlegt sein, lasse sie diese bei Ankunft der Patientin notieren, um später "in Ruhe und in der Gewissheit, dass sprachlich alles verstanden wurde, den Sachverhalt zu klären..

Sammi Yang sagt, sie suche sich nun eine andere Frauenärztin.

© SZ/ick
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