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SZ-Kolumne "Alles Gute":Zeig mir dein Gesicht

Da unterhält man sich stundenlang mit jemandem und weiß nicht, wie der Mensch hinter der Maske aussieht. Zeit für eine Enthüllung!

Von Alexander Menden

So langsam normalisiert sich vieles, auch Pressetermine in Museen gibt es wieder. Wie zum Beispiel den jüngst in Düsseldorf, da hat gerade mit Verspätung eine Schau über eine deutsche Künstlerin der Sechzigerjahre eröffnet. Aber manches ist eben doch anders. Der Rundgang mit der Kuratorin vollzieht sich in anderthalb Meter Sicherheitsabstand - man achtet in Museen derzeit fast mehr auf die Distanz zu den Mitbesuchern als auf die zu den Kunstwerken. Und natürlich tragen wir beide die obligatorische Maske.

Seit der "Mund-Nasen-Schutz" fester Teil der Alltagsrealität geworden ist, beobachtet man zwei gegenläufige Phänomene: Einerseits wirkt es im öffentlichen Raum immer weniger außergewöhnlich, dass Leute in einer Aufmachung herumlaufen, die ihnen noch vor wenigen Monaten günstigstenfalls Befremden, in der Regel aber den Verdacht übler Absichten (Raubüberfall) eingetragen hätte. Man hat die Maske als notwendiges Accessoire in die Wahrnehmung eingebaut. Andererseits stellt sich im individuellen Umgang heraus, dass etwas Entscheidendes fehlt, wenn beim Gesprächspartner zwei Drittel des Gesichts verdeckt sind.

Das Problem ist ja nicht allein die fehlende Lesbarkeit der Mimik, es ist grundlegender: Wenn man sich zum ersten Mal trifft, weiß man, abgesehen von der Augenpartie, einfach nicht, wie der andere Mensch aussieht. Das ist in einer Kultur, in der Gesichtsverhüllung bisher weitgehend unüblich ist, gleichbedeutend mit einer Form von Social Distancing, die weit über den physischen Sicherheitsabstand hinausgeht. Das Gegenüber bleibt seltsam fremd, was desto klarer wird, je mehr Zeit man mit der betreffenden Person verbringt.

Wie früher bei den Rittern

Nach dem Ende des Ausstellungsrundgangs weiß man daher zwar erheblich mehr über Werk und Leben der Künstlerin, der Zweck des Besuchs ist erfüllt, aber dennoch fühlt er sich unvollendet an. "Ich würde Ihnen gern wenigstens noch kurz mein Gesicht zeigen, bevor ich gehe", hört man sich sagen. Das klingt auf überraschende Art intim. "Gute Idee", sagt die Kuratorin. "Aber ich muss Sie warnen - mein Lippenstift bleibt immer innen an der Maske kleben." Dann steht man voreinander - mit genügend Abstand, natürlich - und lächelt sich höflich an. So siehst du also aus.

Diese Geste des Maskelüftens hat etwas ungeheuer Befreiendes, ja Entwaffnendes. Etwas, das man bisher als Selbstverständlichkeit eindeutig zu wenig wertschätzte, muss man nun als bewussten Akt vollziehen. Wer sein Gesicht zeigt, tut das, was schon Ritter taten, wenn sie das Helmvisier hochklappten: Er oder sie macht sich gleichsam freiwillig verletzlich und signalisiert friedliche Absichten. Das Maskelüften könnte also zu einer wirklichen Bereicherung der Umgangsformen werden. Wer Angst vor Ansteckung hat, kann dabei einfach kurz die Luft anhalten.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/nas
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