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SZ-Kolumne "Alles Gute":Das Kind muss an die Luft

Immer draußen spielen, den ganzen Tag? Bei manchen Kindern und Eltern gibt es Bedenken.

(Foto: Catherina Hess)

Not macht erfinderisch: Aus dem Vorstadt-Kindergarten wird wegen Corona über Nacht ein Naturkindergarten. Das finden nicht alle sofort gut.

Von Kerstin Lottritz

Während der Corona-Beschränkungen sind nicht nur die Erwachsenen träge geworden. Kaum waren Treffen mit Freunden, Sport- und Musikkurse eingestellt, wussten auch viele Kinder nichts mehr mit ihrer gewonnenen Freizeit anzufangen. Was hätte man alles unternehmen können: Radtouren über die Felder, Regenpfützen-Weitspringen, im Wald Tipis bauen. Doch der vierjährige Sohn schüttelte immer nur den Kopf. Nö, keine Lust, nö, frische Luft ist doof. Lieber lümmelte er in Pubertier-Manier auf seinem Bett herum, beschallte mit Hörspielgeschichten seiner "Freundin Conni" die gesamte Familie und warf gelangweilt Legosteine durchs Zimmer.

Mit den Wochen wurde seine Haut immer blasser, die Laune trotziger, und die Conni-CD gab zerkratzt ihren Geist auf. Die Vor- und Nachmittage hätten noch den ganzen Sommer so dahinplätschern können, aber im Kindergarten hatte man sich in den Ferien den Kopf zerbrochen, wie man bei steigenden Infektionszahlen im Herbst eine Komplettschließung möglichst vermeiden könne.

Aus dem stinknormalen Vorstadtkindergarten war plötzlich ein Naturkindergarten geworden. Die Lösung entsprach so gar nicht den Vorstellungen des Vierjährigen. Waaas? Immer draußen spielen, den ganzen Tag? Es gab Erwachsene, die die Bedenken des Kindes teilten: Bei Wind und Regen draußen sein, das könne man den Kleinen doch nicht zumuten. Ohne vorherige Absprache auf einem Elternabend. Aber wie es so ist mit Veränderungen, man muss erst mal ein paar Nächte drüber schlafen.

Dann organisierten die Eltern den Kindern ein paar Tische und Stühle für den Garten, und schnell landete der Inhalt der Brotzeitbox nicht mehr im Sand. Stritten sich die Kinder früher darum, wer das coolste Feuerwehrmann-Auto von zu Hause mitgebracht hatte, wurden jetzt Erdlöcher gebuddelt. Um Diebe zu fangen. Um Baustellen zu fluten. Nach nur wenigen Tagen waren die üblichen Plastikspielsachen völlig uninteressant geworden.

Selbst am Wochenende fällt der Vierjährige nicht ins alte Sofakartoffel-Muster zurück. "Ich liebe frische Luft", heißt es nun, bevor er wieder nach draußen stürmt. Der Kleiderschrank ist aufgefüllt mit gefütterter Matschkleidung, Gummistiefeln und einem dicken Schneeanzug für die besonders kalten Tage. Und selbst die Oma liebt den neuen Naturkindergarten, denn sie hat jetzt ein Hobby, das auch noch taugt, wenn die Corona-Beschränkungen wieder kommen sollten: Wollsocken stricken.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

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