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Berlin:Strategie der tausend Nadelstiche

Das Problem der Clan-Kriminalität wurde lange unterschätzt, sagen Sicherheitsexperten. Heutzutage sind die kriminellen Gangs offenbar längst bundesweit aktiv.

Ein Mord auf offener Straße. Im September 2018 wurde der Intensivstraftäter Nidal R. auf dem Tempelhofer Feld erschossen, am helllichten Tag an einem der beliebtesten Ausflugsziele Berlins. Der Grund: Nidal R., ein stadtbekannter Intensivstraftäter, war im Umfeld krimineller Clans unterwegs und hatte sich mit den Falschen angelegt. Sein Tod steht dafür, wie offen sich kriminelle Clans inzwischen blutige Revierkämpfe liefern. Und der Fall zeigt, wie schwer es ist, sie zu bekämpfen. Bis heute weiß man nicht, wer Nidal R. getötet hat.

Das Problem der Clan-Kriminalität wurde lange unterschätzt - das ist der Tenor einer Konferenz, bei der sich am Donnerstag hochrangige Sicherheitsexperten aus Berlin und mehreren Bundesländern trafen. Dem Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, zufolge sind die Clans längst bundesweit aktiv. 45 große Ermittlungsverfahren gab es 2018 in Deutschland, die meisten betrafen arabischstämmige Gruppen. Die verdienen ihr Geld mit Drogen- oder Waffenhandel, organisiertem Diebstahl oder Raubüberfällen. Oft nutzen sie für ihre Geschäfte verwandtschaftliche Kontakte ins Ausland, etwa nach Schweden oder in den Libanon, das Herkunftsland vieler Clan-Angehöriger.

Einig sind sich die Experten aber auch, dass im vergangenen Jahr einiges passiert ist. So arbeitet in Berlin inzwischen eine Taskforce, die zwei Strategien verfolgt: Einerseits versucht man, die Clans davon abzuhalten, ihr Geld legal anzulegen, etwa in Immobilien, weshalb man im großen Stil Immobilien nach dem Geldwäschegesetz beschlagnahmte. Andererseits will man die Clans durch eine Null-Toleranz-Politik treffen, indem regelmäßig Razzien veranstaltet werden. So wie am Donnerstag wieder, als 400 Beamte der Bundespolizei in mehreren Bundesländern Wohnungen, Geschäftsräume und Liegenschaften einer libanesischstämmigen Großfamilie durchsuchten, es ging um den Verdacht auf Schleusung. Solche Aktionen seien wirksam, weil sich die Clans dadurch "massiv gestört" fühlen würden, sagte die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik.

Im Bezirk Berlin-Neukölln, der schon lange mit dem Thema zu tun hat, habe man gute Erfahrungen mit einer "Strategie der tausend Nadelstiche" gemacht, erzählt Bezirksbürgermeister Martin Hikel. Ordnungsämter, Zoll und Polizei kontrollieren dabei regelmäßig Läden und Gastronomiebetriebe, die den Clans zugerechnet werden. Da gehe es darum, ob es Genehmigungen für Spielautomaten gibt, der Brandschutz funktioniert und ob Besucher vielleicht mit Haftbefehlen gesucht werden. "Das ist wie bei Nadelstichen: Ein einzelner tut nicht weh, aber die Summe nervt." Hikel glaubt, dass die Clans mit spektakulären Taten wie den Raubüberfällen auf das KaDeWe und ein Pokerturnier bewusst Öffentlichkeit herstellen, "da geht es um Anerkennung".

"Im Knast werden Männer gemacht"

Bei Kontrollen in Shisha-Bars, die von Clan-Mitgliedern frequentiert werden, sehe er dann auch immer wieder Jugendliche, "denen in ihrer Dreizimmer-Wohnung mit vier Geschwistern die Decke auf den Kopf fällt". Diese Jungs hätten sonst keinen Ort, an dem sie sich wohlfühlen - und landeten dann vor den Hinterzimmern, in denen sich Clan-Größen treffen. Von Leuten, die das schnelle Geld versprechen und deren Lebensweise inzwischen durch Filme und Serien glorifiziert würde. Und die einen Gefängnisaufenthalt eher aus Auszeichnung sehen. So wurde eine Angehörige eines Clans zitiert, die zu den Ermittlern sagte: "Im Knast werden Männer gemacht."

Bei den Vorbildern müsse man dann auch ansetzen, wenn es darum geht, wie man Jugendliche von den Clans fernhält, sagt Martin Hikel. Man müsse an Männlichkeitsbildern arbeiten, schon in den Schulen vermitteln, dass es andere Möglichkeiten der gesellschaftlichen Anerkennung gibt.

Klar wurde bei der Konferenz einmal mehr, wie schwer es die Behörden haben, gegen eine Form der organisierten Kriminalität vorzugehen, die sich über Jahrzehnte professionalisieren konnte. Zwar wollen sich die Behörden in Berlin und auch betroffene Bundesländer wie etwa Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen besser vernetzen. Aber die Verfahren seien sehr aufwändig, so Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra, Berlins oberster Ermittler gegen die organisierte Kriminalität. Besonders die Zeugen seien ein Problem.

Opfer von Clan-Verbrechen würden ihre Aussage, so sie überhaupt eine machen, innerhalb kürzester Zeit zurückziehen. Weil sie bedroht oder aber mit Geld korrumpiert würden, "die Täter sind finanziell sehr potent". Er habe es selbst drei Mal erlebt, dass Anwälte es ablehnten, Zeugen zu vertreten, nachdem sie die Familiennamen der Täter gehört hatten. Klassische Ermittlungsmethoden würden nicht greifen, sagt Kamstra, dazu komme die schlechte Ausstattung der Berliner Justiz. Zu wenig Personal, bei der Staatsanwaltschaft mussten sie schon "Monate, ja Jahre" warten, bis beschlagnahmte Laptops endlich ausgewertet wurden. Manchmal habe er den Eindruck, sagt Kamstra, als ob "die Kriminellen mit der Concorde fliegen, und wir fahren mit der Postkutsche hinterher".

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