Brand in Backnang:"Wieder Deutschland, wieder Feuer"

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Brand Backnang

Trauer um die Opfer des Feuers in Backnang.

(Foto: dpa)

Die Polizei sieht einen technischen Defekt als wahrscheinlichste Ursache für den verheerenden Brand in Baden-Württemberg. Einige türkische Medien aber sprechen von einem fremdenfeindlichen Anschlag - und stellen Backnang in eine Reihe mit Mölln und Solingen.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul, und Max Hägler, Backnang

Der kleine, weiße Eisbär ist schon ganz durchweicht. In einer Ansammlung von Blumen steht das Plüschtier, das erinnern soll an die toten Kinder. Neun wohnten bislang in dem Haus. Es ist eine türkische Großfamilie gewesen, die hier in Backnang ihr Zuhause gefunden hatte. Bis zum Sonntagmorgen, als sieben der Kinder verbrannten, und ihre Mutter. Es ist ein Flammeninferno gewesen, das stundenlang wütete.

Doch es herrscht am Tag danach kein sprachloses Entsetzen. Es geht um die Fragen: Wieso ist das passiert? Auch Halim fragt das. Der Jugendliche hat überlebt, weil er in der Nacht bei einer Tante übernachtet hatte. Jetzt steht er vor der schwarzen Sichtblende, mit der die ganze Straße abgeriegelt ist. Sein Onkel hält ihn an den Schultern, aber es ist eigentlich gerade gar nicht nötig. Halim ist in Rage, aber nicht, weil er einen fremdenfeindlichen Anschlag vermutet, so wie viele Türken. "Wir haben sieben-, achtmal nachgefragt, wann die Elektrik repariert wird, nie ist etwas passiert", ruft der Junge.

Auch die Polizei hat ihre erste Vermutung - dass ein Holzofen die Ursache war - mittlerweile verworfen und hat nun auch die Verkabelung in der Fabrik im Blick. Im ersten und zweiten Stock dieser alten Geberei arbeiten sich Brandermittler Schicht für Schicht durch die Balken, den Hausrat, versuchen herauszufinden, was wann zusammenstürzte, wo also das Feuer seinen Ausgang nahm. "Ein technischer Defekt im Gebäude ist am wahrscheinlichsten", bestätigt der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.

Das Haus war bewohnbar, sagt an diesem Tag ein Vertreter der 35.000-Einwohner-Stadt. Aber es war in marodem Zustand, sagen die Leute vom Getränkeladen Schüle, der unter den beiden Wohnungen liegt. Eine Tante der Kinder sagt: Auch dem Jugendamt sei bekannt gewesen, dass es etwa bei der Elektrik und der Heizung mangelt, immer wieder sei ja eine Mitarbeiterin bei der Familie gewesen. Hat der Hauseigentümer geschludert? Hätten die Behörden der womöglich überforderten Mutter energischer helfen sollen?

Erinnerungen an die Morde des NSU

Darüber diskutieren an diesem Mittag auch die türkischstämmigen Menschen in ihrem Gemeindezentrum, einige Häuser weiter. Die Frage, ob es ein fremdenfeindlicher Anschlag gewesen sein könnte, den die Behörden wie bei den Mordanschlägen der NSU unter den Tisch kehren - die Menschen vor Ort stellen diese Frage nur leise: "Es ist zu 90 Prozent keine Sabotage", sagt Gemeindevorsitzender Ethem Ugur. Und: "Wir trauen den deutschen Polizisten."

Es ist alles viel ruhiger als in der Türkei, in der zweiten Heimat der Familie. Das Urteil etwa des Deutschland-Korrespondenten von "CNN Türk", Erhan Merttürk, steht schon fest. Er stellt den Brand in eine Reihe mit den Anschlägen von Mölln und Solingen und zieht den Schluss, immer wieder müssten in Deutschland "Türken sterben, nur weil sie Türken sind".

Der türkische TV-Reporter erinnert auch an die NSU-Morde und behauptet in seinem Rundumschlag, es gebe noch viele unaufgeklärte Verbrechen gegen Türken in Deutschland, um die sich auch die Regierung in Ankara zu wenig kümmere. Und auch die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak druckt am Montag auf ihre erste Seite: "Wieder Deutschland, wieder Feuer." In einem Leitartikel schreibt das Blatt von einem "schrecklichen Verdacht" und erinnert ebenfalls an Solingen und Mölln.

Die politische Dimension des Unglücks

Die meisten türkischen Zeitungen sind indes vorsichtiger. Die seriöse Milliyet spricht von einer "Tragödie" und druckt auf der Titelseite ihren Text über Backnang weiß auf schwarz, wie eine große Todesanzeige. Das Massenblatt Hürriyet schreibt, ein Brand habe eine türkische Familie "ausgelöscht".

Die politische Dimension des Unglücks wird dann auch in Backnang offensichtlich, als am Nachmittag der türkische Botschafter Avni Karslioglu in das Gemeindezentrum kommt. Die Polizei hat extra einen Beamten mit türkischen Migrationshintergrund geschickt, als Symbol und zum Dolmetschen.

Bei einer Pressekonferenz greift sich dann nicht der Polizeichef von Baden-Württemberg, Wolf Hammann, das Mikrofon, sondern der Botschafter, der ohne deutsche Einleitung auf türkisch spricht, minutenlang. Um danach auf Deutsch zu erklären, dass er die Staatsanwaltschaft besucht habe und dass ihm die Ermittler versichert hätten "alle möglichen Hintergründe" zu untersuchen: fremdenfeindliche, kriminelle und technische.

Ob seine Regierung der Einladung der baden-württembergischen Behörden folge und eigene Polizisten schicke, das sei noch unklar. Derzeit sehe er eine enge und offene Zusammenarbeit, für die er sich bedanken wolle.

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