bedeckt München 23°

Biologie:Der letzte Flügelschlag

Der drohende Tod der Schmetterlinge: Vorbote eines großen Artensterbens?

"Er ist ein Sinnbild der Unsterblichkeit der Seele", schrieb Heinrich Heine über den Schmetterling. Heute, mehr als 170 Jahre später, könnten Falter zum Sinnbild des rasanten Artentods werden. Sie seien ein Schlüsselindikator dafür, dass die Welt vor dem "sechsten großen Artensterben der Erdgeschichte" steht, warnen britische Forscher ( Science, Bd.303, S.1879, 2004).

Die Biologen um Jeremy Thomas vom Winfrith Technology Centre in Dorchester haben die Schmetterlinge Großbritanniens gezählt und einen rapiden Schwund festgestellt. Nun halten die Wissenschaftler die Lage für so dramatisch, dass sie sie in eine Reihe stellen mit den Auswirkungen der Eiszeit und dem Ende der Dinosaurier - bei beiden Ereignissen starben 90 Prozent aller Arten aus.

Fixiert auf Säugetiere, Vögel und Pflanzen

Wie es um die wirbellosen Tiere steht, blieb bislang wenig beachtet. Artenschützer kümmerten sich vor allem um die Lage der Säugetiere, Vögel und Pflanzen und rechneten die Bedrohung der Insekten allenfalls hoch. Doch die Extrapolation führte offenbar zu einem viel zu harmlosen Ergebnis: Den neuen Daten zufolge wurden in den letzten 20 Jahren 71 Prozent der Schmetterlingsarten Großbritanniens drastisch dezimiert oder ausgerottet. Aus jedem achten Biotop sind die Falter vollständig verschwunden.

Nun stehe auch eine massive Ausdünnung bei Säugetieren, Vögeln und Pflanzen bevor, warnen Jeremy Thomas und seine Kollegen: Insekten reagierten viel schneller auf Umweltveränderungen als Wirbeltiere und Pflanzen, weil ihre Vermehrungs- und Lebenszyklen so kurz sind. Schon jetzt seien aber auch die Anzeichen des "sechsten großen Artensterbens" bei den langlebigeren Arten erkennbar, so die Biologen. Auch bei diesen fanden sie unerwartet hohe Rückgänge: 54 Prozent der Vogelarten und ein Drittel der höheren Pflanzen wurden in zwei Jahrzehnten dezimiert; in allen regionalen Biotopen starben zahlreiche Arten ganz aus.

Einzigartige Erhebung

Die Daten sind kaum zu widerlegen: In akribischer Arbeit haben die Forscher über 15 Millionen Berichte ausgewertet, die mehr als 20.000 Wissenschaftler und Amateure in den letzten 50 Jahren erstellt haben. So konnten 1254 heimische Pflanzenarten, 201 im Königreich brütende Vogelarten und alle 58 Tagfalterarten flächendeckend erfasst werden. "Eine solch umfassende Erhebung ist einzigartig", sagt Josef Settele, Ökologe am Umweltforschungszentrum Halle-Leipzig. "Die Ergebnisse sind von außergewöhnlicher Qualität."

Gleichwohl hält er es für übertrieben, in die Daten das Bevorstehen eines gigantischen Artensterbens hineinzuinterpretieren. "In Großbritannien herrscht wegen der Insellage eine besondere Situation", sagt Settele. Wenn dort eine Art aussterbe, könne sich diese anders als in Deutschland nicht so leicht durch Einwanderer aus den Nachbarländern erholen. Allerdings ist der Anteil der bedrohten Arten unter den Singvögeln in Deutschland ebenso hoch wie dies Thomas' Studie für Großbritannien ergeben hat.

Vergleichbare Zahlen über die Insekten Deutschlands stehen dagegen nicht zur Verfügung. Sie sind hier zu Lande viel weniger gut untersucht als etwa die Singvögel. Dennoch stehen bereits 50 Prozent der Tagfalter auf der Roten Liste, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Um die Bedrohung europaweit zu erfassen, wurde jüngst das "Alarm"-Projekt gestartet, welches Josef Settele koordiniert. Ziel ist, Daten aus Disziplinen wie der Klimaforschung, der Forschung über einwandernde Arten und der Populationsentwicklung zusammenzuführen. Daraus wollen 54 beteiligte Organisationen und Universitäten aus 26 Ländern in sechs Jahren ein Informationssystem über regionale Risiken erstellen.

Bürgerbeteiligung

Dass sich aber die Bevölkerung in dem Maße beteiligen wird, wie sie das in Großbritannien tat, ist für andere Länder nicht zu erwarten. "Den Briten ist es gelungen, unter den Bürgern regelrecht Enthusiasmus für die ökologische Forschung zu verbreiten", sagt Settele. Um die verschiedenen Ansätze des "Alarm"-Projekts miteinander verbinden zu können, liegt ein Fokus auf den bestäubenden Insekten, zu denen neben Biene und Hummel auch Schmetterlinge gehören.

Denn auch Settele ist der Meinung, dass diese Tiere ideale Indikatoren für den Zustand der Arten sind: "Einerseits tragen sie maßgeblich zur Verbreitung von Pflanzen bei und sind ein wichtiges Glied der Nahrungskette. Andererseits reagieren sie schon auf geringste Klimaschwankungen und Schadstoffe." In Großbritannien haben Schmetterlinge schon vor ein paar Jahren das Interesse der Klimaforschung gefunden. Denn dort konnte der Falterexperte Jeremy Thomas das Interesse eines führenden Klimaforschers wecken: das von seinem jüngeren Bruder Chris.