Besuch in der Schwitzhütte:Seelenballast ausschwitzen statt "Sportschau"

Die Gruppe ist gut durchmischt mit neun Frauen und fünf Männern, darunter drei Paare. Die meisten sind in ihren Dreißigern, die älteste Teilnehmerin ist Ende vierzig. Sie alle sind eher Bio-Laden als Boutique, tragen gemütliche Kleidung und dicke Wollsocken und sind Lehrer, Physiotherapeuten, Handwerker, Computerfachleute und Studenten. Und allesamt auf der Suche nach ihrem Glück.

In der Vorstellungsrunde sollen alle den Grund nennen, warum sie da sind. Kein Zögern, sofort herrscht eine große Offenheit und Vertrautheit. Dafür sind sie ja auch gekommen, heute ist Waschtag für die Seele. Drei Mütter haben das Gefühl, im Alltag zu kurz zu kommen und wollen im Familienchaos nicht untergehen. Vier Teilnehmer wünschen sich Orientierung im Leben, weil sie nicht wissen, ob das, was sie tun oder tun möchten, das Richtige für sie ist. Ein großer Mann mit starkem Pfälzer Dialekt weiß nicht, wie er mit der Wut im Bauch umgehen soll und dem Chef in der Werkstatt. Und nachdem ein junger Mann mit zartem Bubengesicht anfangs erklärt, er wüsste eigentlich gar nicht, warum er hier ist, fängt er in dem Moment an zu weinen, als es ihm dann wohl doch bewusst wird.

Bevor alle in ihre Nachthemden schlüpfen, muss das Holz aus dem Wald geholt werden, Steine werden aussortiert, Wasserkanister zur Feuerstelle getragen und Decken über das Weidengeflecht gestülpt. Nachdem das Feuer auf einem großen Haufen neben der Hütte brennt, werden die sogenannten tabacco ties gebastelt. Dafür kommt ein bisschen Tabak in ein buntes Stück Stoff, das wiederum an einen roten Faden gebunden und als Kette in der Hütte getragen wird. In die 24 Beutelchen soll nicht nur der Tabak, sondern auch ein Wunsch für jemanden anderen. Nur vier Stück sind für eigene Wünsche bestimmt.

Hände, Knie, Zehen? Nie gesehen.

Am späten Nachmittag stehen alle in Bademänteln und Schlappen bei sechs Grad um das Feuer, das jetzt Funken schlägt, die bunten Tabakketten um den Hals erinnern an Plastikblumengirlanden. Doch statt Partystimmung ist es ganz still, nur ein paar Vögel zwitschern am Waldesrand. Zuerst krabbeln die Frauen, dann die Männer durch die kleine Öffnung und setzen sich im Kreis auf die Isomatten im Zelt. Für einen Schneidersitz ist kein Platz. Feuermann Rainer bringt die ersten Steine, Maria schöpft mit einem Horn Wasser darauf und gibt Kräuter hinzu. Rainer schließt den Eingang. Hände, Knie, Zehen? Nie gesehen.

Anfangs zappelt der Geist noch unruhig hin und her, der Verstand probt den Aufstand. Der Atem muss den heißen Dampfwolken trotzen, Arme und Beine beschweren sich, weil es so ungemütlich ist, und während man damit beschäftigt ist, den Körper zu besänftigen, entspannt sich langsam der Kopf. Maria singt indianische Lieder, manche summen mit. Sie spricht von Mutter Erde, vom Loslassen, von der Bedeutung des "inneren Kindes", irgendwann murmelt sie auch unverständliche Dinge vor sich hin. Später wird die promovierte Chemikerin erzählen, dass sie in der Schwitzhütte manchmal Sprachen spricht, von denen sie noch nie gehört hat, die ihr aber "eingeflüstert" werden. "Nur weil ich eine Sache nicht weiß, heißt es nicht, dass es sie auch nicht gibt. Vielleicht wurde diese Sprache irgendwann irgendwo mal gesprochen?"

Zwei, drei Stunden später. Wer weiß das schon. Der glimmende Steinhaufen wirft endlich ein wenig Licht auf die glänzenden Körper. Ein vorsichtiger Blick in die Runde, was hat die Hitze mit den anderen gemacht? Manche sitzen ganz aufrecht, manche sind in sich zusammengefallen. Alle starren auf die Steine, die Gesichter sind freigeschwitzt von jeglicher Anspannung, jeglichem Druck. Der Eingang öffnet sich, wir krabbeln hinaus in die kalte Nacht und ziehen frische Luft ein wie Teenager ihre ersten Zigaretten. Alle stehen um das Feuer und gucken zu, wie ihre Ketten nun darin verbrennen.

Die "Gebärmutter der Erde"

Die Nacht ist unruhig, aber das ist so gewünscht: Wer nicht gut schlafen kann auf dem Boden im Gemeinschaftsraum inmitten all der Fremden, erinnert sich am nächsten Morgen besser an seine Träume. Von denen ist am nächsten Morgen die Rede, in der Abschlussrunde, in der jeder erzählen soll, wie es ihm geht. Die meisten fühlen sich besser als am Vortag, geklärter, ruhiger, entspannter irgendwie. Sie wollen ihrem Alltag anders begegnen, sich Auszeiten einplanen, ihre Gefühle ernst nehmen. Die Leichtigkeit, so scheint es, ist zurück.

Es wäre womöglich einfach gewesen, sich lustig zu machen. Über die Menschen, die an einem Samstagabend in einem Zelt Seelenballast rausschwitzen wollen. Über all die Rituale, die eine Schwitzhütte so mit sich bringt, die Tiere und den Tabak, den roten "Familienstab" vor dem Zelt, darüber, dass die Hütte "Gebärmutter der Erde" genannt wird und der Weg zwischen Feuer und Hütte nicht gekreuzt werden darf.

Dinge, die raus wollen

Sicher gibt es andere Wege, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Aber braucht es nicht auch Mut, das Wochenende mit sich und seinen Gedanken zu verbringen statt mit "Sportschau" und Gin Tonic? "Meine Freunde haben mich ausgelacht, als ich sagte, was ich am Wochenende mache", sagt ein Mann mit erstaunlich großflächigem Tattoo auf dem Rücken.

"Aber wo kann man sich schon Zeit nehmen für seine Probleme? Wenn es dir nicht gut geht, läufst du zum Arzt. Der verschreibt dir was, damit hat sich die Sache." Dabei gehe es nicht immer unbedingt um die ganz großen Probleme, sondern einfach um die Unfähigkeit, manchmal mit dem Leben zurechtzukommen. "Im Dunkeln bist du auf dich gestellt. Da wollen Dinge raus und zwar nicht über den Verstand, sondern über das Herz."

In dem Buch "Menschliches, Allzumenschliches" schrieb Friedrich Nietzsche: "Man nimmt die unerklärte dunkle Sache wichtiger als die erklärte helle". Auch wenn man dabei ganz schön schwitzen muss.

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