Berlin Freiraum

Tom Tykwer kommt zur Eröffnung, aber im "Holzmarkt" stehen die Zeichen auf Abhängen.

(Foto: Tom Maelsa/imago)

Die Bar 25 war wahrscheinlich die berlinischste aller Berliner Locations. Dann sollte das Gelände an Investoren verkauft werden, ein Hochhaus dort entstehen. Am Montag eröffnete die Bar 25 erneut. Die Geschichte einer Wiedergeburt.

Von Verena Mayer, Berlin

Wenn es um Berlin als Partyhauptstadt geht, denken die meisten an den Club Berghain. Dabei gibt es einen viel größeren Mythos: die Bar 25. Ein weitläufiges Gelände am Ufer der Spree, mit viel Gras und Sand, vollgestellt mit Holzbuden, Bühnen und alten Autos, wo die bekanntesten Techno-DJs auflegten, tagelang durchgefeiert wurde, die Leute in selbstgebauten Hütten wohnten oder einfach nur auf der Wiese herumlagen. Die Bar 25 war wahrscheinlich die berlinischste aller Berliner Locations, eine Mischung aus Stadtbrache, Abenteuerspielplatz und alternativem Wohnen. Zumindest bis 2010. Da ging die Bar 25 den Weg aller Kultorte: Das Gelände sollte an Investoren verkauft werden, damit dort ein Hochhaus und Eigentumswohnungen entstehen.

Doch seit Montagnachmittag, einer beliebten Berliner Ausgehzeit, gibt es die Bar 25 wieder. Auf den ersten Blick sieht alles aus wie immer. Die große Liegewiese, ein Strand, Holzhütten, und alle paar Meter ein Podest, auf dem Menschen dicht aneinandergedrängt stehen, Bier trinken oder zu Technomusik tanzen. Und doch ist alles ganz anders. Am "Holzmarkt", wie der Ort inzwischen heißt, soll nämlich nicht einfach die Party weitergehen. Hier ist ein so genanntes "Kreativdorf" entstanden. Mit Ateliers und Galerien, einer Konzerthalle, einem Theater und einer Kindertagesstätte, mit Cafés und Gärten, wo Künstler, Musiker und Leute aus der Clubszene zusammenkommen, arbeiten, feiern und ihre Kinder betreuen lassen sollen. Eine Kommune für Hipster gewissermaßen.

Organisiert hat das Ganze eine Gruppe junger Leute, die im Kulturbetrieb oder in der Gastronomie arbeiten. Sie haben eine Genossenschaft gegründet und jahrelang versucht, bei der Stadt mit ihren Ideen durchzudringen. Gelungen ist das erst, als sie 2012 eine Schweizer Stiftung ins Boot holen und das Gelände kaufen konnten. Zu sprechen ist von den Organisatoren an diesem Montag niemand, "die sind mindestens noch bis morgen Abend am Feiern", sagt eine junge Frau, die sich als Laura vorstellt und eine kurze Führung über das Gelände macht. Durch die Neubauten, die mit ihren bemalten Mauern und den Holzfassaden etwas von einem Westerndorf haben, vorbei an einer Bäckerei, einer Musikschule und einer Veranstaltungshalle, in der die Leute auf Kissen und Sofas fläzen. Und überall sieht man Bauzäune und Kräne, was Laura zufolge durchaus beabsichtigt ist. Denn das "Holzmarkt" soll ein Ort bleiben, an dem nichts festgelegt und alles möglich ist. So wie im Berlin der Neunzigerjahre, als den Leuten die Stadt offenstand, für Partys und Projekte, für Kunst und zum günstigen Wohnen.

Am Montagnachmittag tanzen dort Leute mit Bademantel, mit Latex-Masken oder Kindern

Der Regisseur Tom Tykwer, der am Montagnachmittag zu einer Podiumsdiskussion ins "Holzmarkt" gekommen ist, hat diese Zeiten noch erlebt. Tykwer war früher in der Berliner Hausbesetzerszene unterwegs, gerade dreht er eine Fernsehserie über das Berlin der Zwanzigerjahre. Tykwer sagt, gerade in Zeiten von Umbrüchen, wie man sie jetzt wieder erlebe, sei es wichtig, dass die Leute sich engagieren, ihre Stadt mitgestalten. Ein Zuhörer nickt und sagt: "Abhängen ist wichtig, aber Aufstehen auch."

Erst einmal stehen im "Holzmarkt" die Zeichen aber auf Abhängen. Bei der Eröffnungsfeier sieht man die typischen Berliner Partygänger, Touristen und Berliner, Leute im Bademantel oder mit Latex-Masken, Menschen, denen man anmerkt, dass sie schon nach der Wende viel gefeiert haben. Und sehr viele Familien, die Besucher der Bar 25 sind erwachsen geworden. Die Eltern tanzen zu Techno, die Kinder spielen mit Schallschutz-Kopfhörern am Ufer, vor sich die Hochhäuser, Townhouses und Firmenzentralen, die in den vergangenen Jahren in dieser Gegend entstanden sind, die Architektur einer boomenden Metropole. Dass alternative Freiräume wie das "Holzmarkt" erst recht dazu beitragen, dass alle Welt in Berlin sein oder investieren will - mit diesem Widerspruch wird man hier leben müssen.