bedeckt München 23°
vgwortpixel

Berlin:Einstürzende Altbauten

Wunschzettel, Stiftungsbild

Nicht gerade Wohlfühlatmosphäre: die Eingangstür zum Hort einer Berliner Grundschule.

(Foto: Wunschzettel, Stiftungsbild)

In Berlin sind viele Schulen in einem Zustand, der in etwa dem des Hauptstadtflughafens gleicht. Eltern haben deshalb in den Ferien Zimmer gestrichen und Turnhallen renoviert.

Wer wissen will, was ein totaler Dachschaden ist, muss nur eine Berliner Schule besuchen. Das Fichtenberg-Gymnasium etwa. Das Giebeldach ist an vielen Stellen kaputt, das Regenwasser tropft bis in die Aula. Unten sieht es nicht besser aus. Die Fenster sind morsch, von der Fassade krachen Brocken in die Tiefe, überall stehen Bauzäune, damit niemandem der Putz auf den Kopf fällt. So wie das Fichtenberg-Gymnasium sind viele Berliner Schulen in einem Zustand, der in etwa mit dem Hauptstadtflughafen vergleichbar ist. In Berlin sagen sie inzwischen "einstürzende Altbauten" dazu.

Nur, dass darüber keiner lachen kann. 800 allgemeinbildende Schulen gibt es in der Hauptstadt, etwa die Hälfte der Gebäude ist stark baufällig. Da schimmeln Wände, bröckeln Mauern, Deckenplatten hängen herab, Kletterpflanzen wachsen durch die Fassade mitten ins Klassenzimmer. In Altbauten mussten Eingänge wegen akuter Einsturzgefahr geschlossen werden, neue Gebäude sind manchmal so marode, dass es schon am Tag der Eröffnungsfeier hineinregnete. Auch in diesem Jahr haben in der ganzen Stadt wieder Eltern die letzten Ferientage damit verbracht, Klassenzimmer zu streichen, Laub von den Schulhöfen zu fegen und die Turnhallen auf Vordermann zu bringen.

Und da sind noch die Toiletten. Unter Eltern schulpflichtiger Kinder ist es in Berlin inzwischen eine Art Sport, sich gegenseitig mit Horrorgeschichten über Schultoiletten zu überbieten. Da erzählt man sich von Schülern, die nach dem Unterricht ins nächstbeste Restaurant stürmen oder sich lieber in die Hose machen, als ein Schulklo aufzusuchen. Und wenn man Berliner Kinder bei der Gymnasiumsuche nach ihren Wünschen fragt, hört man oft nur einen Satz: "Hauptsache, die Toiletten sind in Ordnung."

Nun ist das Thema nicht ganz neu. Bereits ein Roman aus dem Jahr 1931 handelt davon, wie in einer Zeitungsredaktion kurz vor Reaktionsschluss hektisch ein Thema gesucht wird, und einer sagt: "Über die Toilettenverhältnisse in den Berliner Schulen sollte man mal was schreiben." Allerdings hat sich in Berlin seither nicht besonders viel getan, eigentlich ist es schlimmer denn je. Um nur die nötigsten Sanierungsmaßnahmen durchzuführen, wären 4,9 Milliarden Euro notwendig. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) lässt daher gerade alle Gebäude überprüfen und eine Prioritätenliste erstellen.

Das Fichtenberg-Gymnasium im gutbürgerlichen Berliner Westen steht schon mal ganz oben. Ein gelb verputztes Gebäude, das mit seinen Erkern, Giebeln und hölzernen Verzierungen aussieht wie ein englisches Landschloss. Die Schule hat einen ausgezeichneten Ruf, und doch hat der Unterricht dieser Tage genauso begonnen, wie er im Sommer zu Ende gegangen ist. In einem Schulhaus, das von oben bis unten eingerüstet ist; wo man sich nur in einem Teil des Schulhofes aufhalten kann und Veranstaltungen wie die der Theater-AG ausfallen müssen, weil die Aula als einsturzgefährdet gilt. Immer wieder tasten sich Jugendliche an den Holzplanken der Absperrung entlang - in die Schule gehen viele Sehbehinderte. Sie leiden am meisten unter den Bauzäunen und Absperrungen.

Der Zustand der Toiletten komme der Kindesmisshandlung nahe, sagt eine Mutter

Wie konnte es so weit kommen? Frage an Daniela von Treuenfels, die an einem heißen Septembernachmittag vor der Schule steht und an der bröckelnden Fassade hochguckt. Treuenfels gehört zu den Müttern und Vätern, die sich in einem Bezirkselternausschuss engagieren, seit Jahren beschäftigt sie sich mit Berlins kaputten Schulen. Zum Thema kam sie, weil sie fünf Kinder hat und alles mitgemacht hat, was man an Berliner Schulen mitmachen kann. In einer gab es keine Mensa, in einer anderen hatte die Turnhalle keine Fenster, sondern nur Plastikplatten. Der Zustand der meisten Toiletten "komme der Kindesmisshandlung nahe", sagt Treuenfels, und immer, wenn es im Winter kalt wurde, fiel erst mal der Unterricht aus. Denn die Heizung an den Schulen konnte nicht schnell genug hochgefahren werden.

Ein Grund für die Misere sei die Struktur der Berliner Verwaltung, sagt Treuenfels. So ist für das, was in den Schulen passiert, das Land Berlin zuständig, um die Mauern drumherum müssen sich aber die Bezirke kümmern. Und Land und Bezirke kommen in Berlin traditionell schwer zusammen, was auch im Chaos um die Berliner Bürgerämter eine Rolle gespielt hat. Dazu kommen andere Berliner Besonderheiten. Die Hauptstadt boomt, jedes Jahr ziehen Zehntausende zu, viele davon mit schulpflichtigen Kindern. Die Schulen platzen inzwischen aus allen Nähten, viele davon sind zudem um die hundert Jahre alt und stehen unter Denkmalschutz. Und weil die Hauptstadt lange Zeit kurz vor der Pleite stand, wurde jahrelang auch noch gespart, wo es ging. Selbst an den Dächern von Gymnasien oder den Abwasserleitungen von Grundschultoiletten.

Inzwischen fließen zwar die Steuereinnahmen. Die Hauptstadt hat wieder Geld, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) will innerhalb der nächsten zehn Jahre 5,5 Milliarden Euro in die Schulen investieren. Doch um das Geld zu verteilen und Bauvorhaben anzuschieben, bräuchte es eine Berliner Verwaltung, die funktioniert. So schließt sich der Kreis.

Und so wird wohl weiterhin vieles an den Berliner Eltern hängen bleiben. Treuenfels und die anderen Mütter und Väter betreiben inzwischen eine Website mit dem Titel "Einstürzende Schulbauten". Sie bloggen täglich, diskutieren mit Politikern und wollen in der Schulpolitik mitmischen. Es sei schließlich nicht damit getan, dass Toiletten nicht mehr stinken oder die Kinder an den Fensterplätzen im Winter nicht frieren. Berlins Schulen bräuchten wesentlich mehr als "etwas frische Farbe", sagt Treuenfels. Sie guckt den Jugendlichen nach, die aus dem Gymnasium strömen. Eine Generation, die noch nie ein intaktes Schulgebäude von innen gesehen hat.

  • Themen in diesem Artikel: