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Berlin:Aufstand der Chauffeure

Die Bundestags-Fahrer fürchten um ihre Jobs - und protestieren im Regierungsviertel. Unser Autor ist ein Stück mitgefahren.

Ein Wurm aus 70 schwarz glänzenden Limousinen schlängelt sich am Freitagmorgen durchs Machtzentrum der Republik. Die Chauffeure hupen, erzeugen Staus, kein Fußgänger kann die Straßen im Regierungsviertel queren, Busse und Taxis haben ihre Motoren ausgestellt, Touristen machen Fotos.

Ein Fahrer hat sein Fenster geöffnet. Ob man kurz mitfahren dürfe? "Steigen Sie ein!" Der Mann, schwarzer Anzug, blaue Krawatte, ein studierter Jurist und Rettungssanitäter, fährt hauptberuflich Abgeordnete des Bundestags zum Flughafen, ins Restaurant, zu Diskussionsveranstaltungen. Er liebt seinen Job. Jetzt hat er Angst. Im Radio läuft Richard Wagners "Großer Festmarsch", die Klimaanlage bläst heiße Luft gegen die geöffneten Fenster. Der Chauffeur, der seinen Namen "auf keinen Fall" in der Zeitung sehen möchte, protestiert zusammen mit seinen Kollegen dagegen, dass der Ältestenrat des Bundestags den Vertrag mit seinem Arbeitgeber Rocvin gekündigt hat. 239 Fahrer und er befürchten, dass sie ihren Job verlieren oder nur unter schlechteren Bedingungen weiterarbeiten können. Allen wurde zum 1. Juli gekündigt, alle mussten sich neu bewerben, bei der Firma, die der Ältestenrat ausgesucht hatte: eine Tochterfirma der Bundeswehr, deren Fuhrpark dann auch Elektrolimousinen bereitstellen soll. Die Abgeordneten sollen sauberer fahren.

Zwar soll der Stundenlohn dann von derzeit rund elf Euro (Anfänger bekommen bei Rocvin sogar nur 9,25 Euro) auf 12,25 steigen. "Ist ja was Gutes", sagt der 30 Jahre alte Chauffeur, als der Autokorso am ARD-Hauptstadtstudio vorbeikommt - und am Grünen-Abgeordneten Christian Ströbele. "Aber die übernehmen nicht uns alle. Manche hier sind schon seit 18 Jahren dabei. Die haben Existenzangst." Auch deshalb hat man beschlossen, an einem Freitag Berlins Mitte lahmzulegen. Einem Tag, an dem eigentlich alle Abgeordneten zu Flügen und Bahnen eilen.

Er hört den Abgeordneten zu, er fährt ihnen Dinge hinterher, er ist ein Gemütskümmerer

"Den Ströbele", erzählt der Chauffeur, "habe ich noch nie gefahren, der fährt ja nur Rad." Viele Abgeordnete gäben Trinkgeld, manche sogar fünf Euro. Der Chauffeur fährt den Abgeordneten vergessene Laptops hinterher, er hört zu, wenn der Familienvater zwischen zwei Terminen aktenstöbernd den Sohn am Telefon fragt: "Wie war's in der Schule?" Und er kümmert sich, als sei jede Fahrt ein Erste-Klasse-Flug. Letztens saß ein sehr überarbeiteter Politiker im Fond. "Der war nach einer Minute eingeschlafen. Ich habe ihm dann noch die Sitzheizung angestellt."

Gemütskümmerer, das sind sie auch, die Chauffeure. Vor Kurzem stieg zum Beispiel eine bekannte Politikerin zu ihm in den Wagen und ließ sich "sehr schlecht gelaunt" in den Ledersitz fallen. Der Fahrer hörte gerade Brahms' Requiem. "Sagen Sie mir bitte, falls Sie das stört." Die Frau schüttelte den Kopf. Das Requiem habe sie schon in ihrer Schulzeit gesungen. Sie summte und sang die ganze Dienstfahrt lang. Beschwingt stieg sie aus und bedankte sich für die "wunderbare Fahrt. Sie haben mir den Tag gerettet".