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Australien:Kultur der Vertuschung

Don Dale youth detention centre in Darwin, Northern Territory

Die Don-Dale-Jugendhaftanstalt in Darwin, Nordaustralien. Hier sollen junge Gefangene immer wieder brutal misshandelt worden sein.

(Foto: Neda Vanovac/dpa)

Gewaltvideos aus einer Jugendhaftanstalt empören Australien. Sie zeigen, dass aus Fehlern der Vergangenheit nicht gelernt wurde: Junge Gefangene müssen offenbar oft grausame Torturen aushalten.

Die Bilder erinnern an die Aufnahmen aus dem irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib. Ein junger Mann ist zu sehen, Knöchel, Handgelenke und Hals mit Riemen an einen Stuhl geschnallt, der Oberkörper nackt, Kopf und Gesicht verhüllt in einer Art weißem Sack - einer "Spuck-Haube", wie sie im Slang australischer Gefängniswärter heißt, renitenten Häftlingen übergezogen, um diese daran zu hindern, das Personal zu bespucken.

Die Videosequenzen, die der Fernsehsender ABC zu Beginn der Woche ausstrahlte, stammen aus der Jugendhaftanstalt Don Dale am Rande des nordaustralischen Darwin. Sie zeigen Szenen der Erniedrigung und der Gewalt, wie sie der junge Dylan aus Darwin offensichtlich über Jahre erdulden musste. Der Junge, heute 18, kam schon als elfjähriges Kind erstmals in Haft und danach immer wieder, wegen Diebstahl, Raub, Körperverletzung. Und immer wieder zeichneten Überwachungskameras auf, wie Justizbeamte den Teenager misshandelten. Da ist zu sehen, wie ein Aufseher den 13-Jährigen am Hals packt und brutal in eine Zelle wirft. Oder wie sich Aufseher in einer Isolationszelle auf den Buben stürzen und ihn nackt ausziehen. Wie ein Wärter den 14-Jährigen schlägt und zu Boden wirft. Wie die Beamten 2014 eine ganze Gruppe junger Häftlinge, darunter auch Dylan, beschimpfen, mit Tränengas einnebeln, mit Handschellen fesseln und mit Wasser abspritzen. Und eben: Wie sie den 17-Jährigen auf dem Stuhl fixieren.

Erschreckendes Missverhältnis: Jeder vierte Gefängnisinsasse ist ein indigener Australier

Im ganzen Land lösten die Bilder Entsetzen und Entrüstung aus. "Tief geschockt" äußerte sich Premierminister Malcolm Turnbull und kündigte an, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Adam Giles, der Chefminister des Nord-Territoriums, feuerte seinen für den Justizvollzug zuständigen Minister und sprach von einer "Kultur der Vertuschung".

Dabei waren die Zustände längst bekannt. Das Jugendgefängnis wurde bereits nach dem Tränengas-Vorfall geschlossen, nachdem der regionale Kinder-Beauftragte einen vernichtenden Untersuchungsbericht vorgelegt hatte. Doch längst geht es nicht mehr nur um örtliche Missstände. Die Bilder illustrieren, dass die Zustände in Australiens Gefängnissen offenbar kaum besser geworden sind, seit vor 25 Jahren eine damals viel beachtete Untersuchungskommission mehr als 300 Empfehlungen vorgelegt hatte, um die hohe Zahl von Todesfällen unter inhaftierten Aborigines zu verringern. Umgesetzt sind ein Vierteljahrhundert und etwa 340 weitere Tote später immer noch die wenigsten davon.

Tatsächlich lesen sich die offiziellen Statistiken erschreckend. Demnach ist landesweit mehr als jeder vierte Gefängnisinsasse ein indigener Australier - obwohl diese nur etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. In Gegenden mit hohem Aborigine-Anteil wird das Missverhältnis noch deutlicher. So sind im Nord-Territorium etwa ein Drittel der Einwohner indigen, aber 84 Prozent der Häftlinge und gar 97 Prozent derer, die in Jugendgefängnissen einsitzen. In Westaustralien sind nur sechs Prozent der Teenager Aborigines, doch vier von fünf der inhaftierten zehn- bis 17-jährigen Jungen. Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ausrechnete, ist das Risiko, hinter Gittern zu landen, bei ihnen 53 Mal so hoch wie bei ihren nicht-indigenen Altersgenossen.

Das Justizsystem lässt Kindern aus zerrütteten Familien meist gar keine Chance

Einen Hauptgrund für diese hohe Haftrate sehen Kritiker in den über die Jahre deutlich verschärften Gesetzen. Nicht nur sperrt Australiens Justiz bereits zehnjährige Kinder ein, wenn sie straffällig werden. Dazu kommen gerade in Westaustralien Strafgesetze, die Richtern in vielen Fällen gar keine andere Wahl lassen, als junge Täter ins Gefängnis zu stecken - ein System, das vor allem Kinder aus armen oder zerrütteten Familien trifft. Das Justizsystem, sagt Patrick Dodson, Aborigine-Anführer und Senator aus Westaustralien, "saugt uns weiter an wie ein Staubsauger und wirft uns wie Abfall in die Haftanstalten".

Sechs Jungen aus Don Dale wollen den Staat nun verklagen. Ihre Anwälte verlangen umgerechnet 1,4 Millionen Euro Entschädigung.

© SZ vom 28.07.2016
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