Archaische Strafen in den USA Ein Schild als Strafe

In einem Nachbarschaftsstreit im US-Bundesstaat Ohio verurteilt eine Richterin einen Mann dazu, ein Schild um den Hals zu tragen. Darauf steht: "Ich bin ein Rüpel!" Gerechtigkeit oder Klamauk? Rechtswissenschaftler sehen Prangerstrafen kritisch.

15 Jahre lang lag Sandra Prugh im Krieg mit ihrem Nachbarn. Der Nachbar beschimpfte sie und ihre behinderten Adoptivkinder - auch wegen deren dunkler Hautfarbe, nebelte ihr Haus mit Kerosin-Gestank ein, beschmierte die Rollstuhlrampe zu ihrer Eingangstür mit Hundekot. So schilderte es Sandra Prugh aus Cleveland gegenüber Gayle Williams-Byers, der Richterin am örtlichen Gericht. Willams-Byers glaubte ihr. Sie verurteilte den 62-jährigen Nachbarn zu 15 Tagen Gefängnis, zu einem Anti-Aggressionstraining und dazu, einen Entschuldigungsbrief an die Nachbarin zu schreiben.

Schon über das Für und Wider solcher Auflagen lässt sich diskutieren. Weitaus problematischer ist jedoch die Art von Strafe, zu der Richterin Williams-Byers in Cleveland zusätzlich griff: der Pranger. Prughs Nachbar musste am Sonntag fünf Stunden lang an Schild hochhalten auf dem zu lesen war: "Ich bin ein Rüpel! Ich quäle behinderte Kinder und bin Menschen gegenüber intolerant, die anders sind als ich. Aus meinen Taten spricht keine Wertschätzung für die vielfältige Gemeinschaft von South Euclid, in der ich lebe".

Moderne Pranger-Strafen wie diese mögen absonderlich erscheinen, doch in den USA greifen Richter immer wieder zu derartigen Strafmaßnahmen, die vor allem im Mittelalter gebräuchlich waren:

  • Im April 2012 verurteilt ein Gericht in Texas einen Mann, der unter Alkoholeinfluss einen tödlichen Unfall verursacht hatte, dazu, vier Samstage in Folge ein Schild hochzuhalten, auf dem steht: "Ich tötete Aaron Coy Pennywell, als ich betrunken Auto fuhr."
  • Im November 2012 wird in Cleveland eine 32-Jährige wegen eines Verkehrsdelikts zum öffentlichen Schild-Tragen verurteilt. "Nur ein Idiot fährt auf den Gehweg, um einem Schulbus auszuweichen", stand darauf.
  • Eine 38-Jährige, die ihre junge Cousine in einem Schulbus an den Haaren gezogen und sie geschlagen hatte, entscheidet sich im Dezember 2012 für ein solches Schild anstatt des Wochenendarrests. "Ich habe mich in einem Bibb-County-Schulbus lächerlich gemacht", so lautet der Satz, den die Frau auf dem Schild vor sich her tragen musste.
  • Im vergangenen September wird ein 58-Jähriger ebenfalls in Cleveland mit einer Prangerstrafe belegt, weil er einen Ex-Polizisten bedroht hatte. "Ich entschuldige mich bei Officer Simone und bei allen anderen Polizeibeamten dafür, dass ich ein Idiot war und den Notruf wählte, um Ihnen mit dem Tod zu drohen. Es tut mir leid und es wird nie wieder vorkommen."

Solche Strafen erscheinen nicht nur dem Laien archaisch. Rechtswissenschaftler wie Jonathan Turley von der George Washington University sehen darin eine Bedrohung für das Rechtssystem. Turley warnte schon vor zwei Jahren davor: "In gewisser Weise haben wir in den vergangenen zehn Jahren beobachtet, wie sich Gesetz und Unterhaltung annähern", sagte Turley damals der Nachrichtenagentur AP. Das gelte für Justiz-Realityshows im Fernsehen, aber eben auch für solche Pranger-Urteile. "Das sind Strafen, die häufig der Öffentlichkeit gefallen und so dem Gericht unmittelbare Anerkennung bringen." Im Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender NPR sagte Turley im vergangenen August, dass solche Strafen nicht sinnvoll seien, sondern im Gegenteil etwas "Komödiantisches" und "Aberwitziges" an sich hätten. Die Rückkehr zum Pranger, so Turley, habe "in Wahrheit die Qualität und den Charakter von Gerechtigkeit in diesem Land verändert."

Der Nachbar von Sandra Prugh in Cleveland würde das womöglich unterschreiben.

Linktipp: Das US-Radio-Magazin "This American Life" beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit modernen Varianten des Teeren und Federns. Hier kann man die Sendung nachhören.