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Anschlag in Orlando:"Vor einem Jahr chattete der Täter mich an"

Cord Cedeno

Cord Cedeno, 23, entschied spontan, in der Nacht des Anschlags nicht ins "Pulse" zu gehen.

(Foto: Johannes Kuhn)

Sein Instinkt brachte Pulse-Stammgast Cord Cedeno am Samstag dazu, nur wenige Meter vor dem Klub umzukehren. Er verlor in jener Nacht zwei Freunde - und hatte mit dem Attentäter in einer Gay-App Kontakt.

Von Johannes Kuhn, Orlando

"Unser Uber war schon an der Kreuzung vor dem Pulse. Ich unterhielt mich mit zwei Freunden und hatte so ein seltsames Gefühl im Bauch, ich wollte einfach nicht rein. Das war so kurz vor Mitternacht. Wir sind dann ins Parliament House gefahren (ein Gay-Club im Norden der Stadt, d. Red.).

Es war ein netter Abend, doch als wir nach zwei irgendwann daheim waren, riefen mich plötzlich Freunde an, die im Pulse waren und gerade entkommen waren. Und dann war es schon in den Nachrichten.

Die meisten aus meiner Clique, die dort waren, standen im Patio und sind glücklicherweise sofort abgehauen, als sie die Schüsse hörten. Zwei meiner Freunde haben es nicht geschafft, Emmanuel und Deonka. Deonka hat einen Sohn, Emmanuel zwei Kinder.

Es hat zwei Tage gedauert, bis wir sicher waren, dass sie tot sind. Die Polizei hat lange gebraucht, sie zu identifizieren, ich weiß nicht, warum. Du kommst in den Klub doch nur mit Ausweis, also hätte jeder doch einen einstecken haben müssen.

Ich kann kaum schlafen und wenig essen, es ist so krank. Wenn ich nur daran denke, dass ich beinahe in den Klub gegangen wäre. Als dann Bilder von Omar (Mateen) auftauchten, habe ich erkannt, dass er mich auf Grindr angeschrieben hatte (zeigt ein Profilbild von Mateen auf seinem Smartphone).

Vor einem Jahr chattete er mich an, dauernd "hey" oder "hi" und hörte nicht auf. Ich habe die Nachrichten gelöscht und ihn dann blockiert. Ich habe ihn auch im Pulse gesehen. Er war ein Einzelgänger, zumindest habe ich ihn nie mit jemand anderem gesehen. Aber wenn du ausgehst, achtest du nicht so sehr auf andere Leute.

Ein normaler Typ, aber stärker gebaut als auf den Grindr-Bildern, die waren zehn Jahre alt, darauf sah er viel jünger aus. Er hat auch mit einem Freund von mir gechattet, auf der "Adam for Adam"-App, seit 2007 immer mal wieder. Amerika muss erfahren, dass dieser Typ nicht einfach ein Schwulenhasser war - er kam dauernd selbst in diese Klubs.

Das Pulse war ein friedlicher Ort

Wenn sein Vater sagt, dass er beim Anblick von küssenden Männern wütend geworden sei ... Ich habe ihn im Pulse gesehen, dort küssen sich dauernd Männer, und er wurde nie wütend oder so. Ich verstehe das nicht.

Ich selbst hatte erst vor zwei Jahren mein Coming-out und Pulse war eine meiner ersten Anlaufstellen. Niemand beurteilt dich, ob du schwul, hetero oder bi bist. Niemand stellt Fragen. Für viele meiner Freunde war das Pulse genauso ein sicherer Ort. Homosexualität wird immer noch nicht akzeptiert, das ist traurig.

Das Pulse war unheimlich populär, obwohl es so klein ist. Oft waren auch Urlauber da, aus der Schweiz, aus Deutschland. Du konntest immer neue Leute kennen lernen. Es war einer meiner Lieblingsläden, nach einem stressigen Tag auf der Arbeit war das der Ort, wo ich für einen Drink hinging. Meine Freunde und ich haben uns auch immer dienstags die Talent-Shows angeguckt, erst letzte Woche war ich dort. Es war ein friedlicher Ort, ich habe nie eine Schlägerei oder sowas mitgekriegt.

Das alles macht mich ganz verrückt. Die Klubs brauchen Metalldetektoren. Viele Gay-Clubs in Orlando haben die nicht, Bars im Zentraum schon.

Ich gehe nun auf die Gedenktreffen und versuche, im LGBT-Zentrum zu helfen. Ich muss aktiv bleiben und durchhalten, ich kann im Moment einfach nicht allein sein. Jeder heilt auf seine eigene Weise. Es ist Wahnsinn, wie viele Menschen helfen oder Blut spenden oder einfach etwas schenken.

Ich bin einfach nur dankbar, dass es viele meiner Freunde rausgeschafft haben und dass die Überlebenden ihre Geschichte erzählen können."

© Süddeutsche.de/leja
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