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Anschlag in Nizza:Angriff am Tag des Stolzes

Terror attack in France

Ein Polizist am Anschlagsort in Nizza.

(Foto: dpa)

Ausgerechnet am 14. Juli traf der Terror die südfranzösische Stadt Nizza. Der Feiertag ist für die Franzosen ein wichtiger Teil ihrer nationalen Identität.

Am Abend des 10. Juli konnte man förmlich spüren, wie ein Aufatmen durch Frankreich ging. Sicher, das Land weinte über das verlorene Finale. Doch da war auch Erleichterung: Fünf Wochen Fußball-Europameisterschaft waren ohne Terroranschlag vorbeigegangen. Der Ausnahmezustand, der wegen der Anschläge des 13. Novembers 2015 verhängt wurde, werde Ende Juli aufgehoben, sagte Präsident Hollande am Mittag des 14. Juli in einem Fernsehinterview.

Einen halben Tag später muss er diese Aussage zurücknehmen. Der Ausnahmezustand wird nun um weitere drei Monate verlängert. Weil in Nizza ein Mann mit einem Lkw auf der Strandpromenade 84 Menschen ermordete. Ausgerechnet am 14. Juli, der fête nationale.

Den Franzosen ist ihr Nationalfeiertag tatsächlich ein Fest. Er hat nichts gemein mit den bemüht wirkenden offiziellen Feierlichkeiten des 3. Oktobers und der Hauptsache-nicht-arbeiten-Verschlafenheit der Deutschen. Der 14. Juli wird ausgelassen und meistens im Freien gefeiert, es wird gegessen und getanzt. In Paris gibt es eine pompöse Militärparade, jedes bretonische Fischerdorf organisiert sein eigenes Feuerwerk.

Der Tag ist so wichtig, weil er an zwei Ereignisse erinnert, die essenziell sind für das Bild, das die Franzosen von sich und ihrer Republik haben. Am 14. Juli 1789 begann mit dem Sturm auf die Bastille die Französische Revolution, der Absolutismus wurden zum Teufel gejagt, fortan galt liberté, égalité, fraternité. Noch heute sind die Franzosen stolz auf ihren - wie sie finden - unabhängigen und widerständigen Geist, daher auch ihre Schwäche für Streiks.

Ein Jahr später, also 1790, wurde das Föderationsfest gefeiert, bei dem der König vor Vertretern aller Provinzen und Stände einen Eid auf die Nation ablegte. Dieser Tag gilt als Symbol für die Solidarität des französischen Volkes. Seit 1880 - seit 136 Jahren - ist der 14. Juli Nationalfeiertag. Er wurde zu diesem Zeitpunkt ausgewählt, um den Nationalstolz nach der Niederlage gegen die Deutschen 1871 wieder aufzupolieren.

Ein Terroranschlag in einem Moment, in dem sich ein Volk dem Freudentaumel hingibt, Wirtschaftskrise, Reformstau und verlorenes Finale für kurze Zeit vergisst und sich auf seine gemeinsamen Werte besinnt - das trifft die Franzosen mitten in ihr ohnehin schon angegriffenes republikanisches Herz.

Und wie will man in Zukunft feiern, soll jetzt etwa der Zugang zu Dorffesten kontrolliert werden? Noch dazu wurde der Anschlag weder mit Sprengstoff noch mit Waffen begangen, sondern mit einem gewöhnlichen Lkw. Frankreich hat an dieser fête nationale ein weiteres Stück Leichtigkeit verloren.

© SZ.de/ghe/gba

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