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Abgestürztes Air-Asia-Flugzeug:Das Rätsel um den Strömungsabriss

Police officer stands near part of the fuselage of crashed AirAsia Flight QZ8501 inside a storage facility at Kumai port in Pangkalan Bun

Der Air-Asia-Flug QZ8501 stürzte Ende Dezember vor Indonesien ins Meer.

(Foto: REUTERS)
  • Einen Monat nach dem Absturz der Air-Asia-Maschine vor Indonesien bleiben viele Fragen offen.
  • Aus den Angaben der Untersuchungsbehörden ergibt sich, dass die Maschine kurz vor dem Absturz in einen Strömungsabriss geriet, weil sie viel zu schnell stieg.
  • Unklar ist aber, warum die automatischen Systeme dies nicht verhindert haben.

Von Jens Flottau, Frankfurt am Main

Die indonesische Verkehrssicherheitsbehörde NTSC hat sich genau an die internationalen Vorschriften gehalten. 30 Tage nach dem Absturz des Air Asia-Fluges QZ8501, bei dem am 28. Dezember 162 Menschen ums Leben gekommen waren, verschickte sie einen vorläufigen Bericht an die internationale Zivilluftfahrtbehörde ICAO. Doch was genau in jener Nacht zu dem Unglück geführt hat, ist immer noch unklar.

Die NTSC gab bei einer Pressekonferenz in Jakarta einige weitere Details bekannt, den Zwischenbericht selbst veröffentlichte sie aber nicht. Sie begründete dies damit, dass sich zu viel zu schnell ändern könne. Das ist international unüblich, aber legal.

Was die NTSC aber an Informationen herausgab, bestätigt zwar in Teilen frühere Gerüchte, der entscheidende Durchbruch ist aber nicht gelungen. Der Airbus A320 ist ganz offensichtlich abgestürzt, weil er zu schnell gestiegen ist und dadurch die Geschwindigkeit rapide abnahm. In einer solchen Situation besteht die Gefahr, dass die Strömung über den Tragflächen abreißt, der Auftrieb reicht nicht mehr aus und das Flugzeug gerät ins Trudeln. Aus diesem im englischen Fachjargon "Stall" genannten Zustand wieder herauszukommen, ist für Piloten möglich, sie müssen aber in kurzer Zeit die richtigen Entscheidungen treffen und entsprechende Manöver ausführen.

Strömungsabriss als Ursache für den Absturz

Im Fall von QZ8501 ist es den Piloten offenbar ebenso wenig gelungen wie bei Air France 447 - dem Airbus A330-200 der französischen Airline, der im Jahr 2009 vor der brasilianischen Küste in einen Sturm geriet und bei dem die Piloten letztlich die Kontrolle über die Maschine verloren hatten. Solche "Loss of Control"-Unfälle sind eines der vertracktesten Probleme der Zivilluftfahrt. Flugzeuge wie die A320 sind hoch automatisiert, Fluggesellschaften und Behörden haben in den vergangenen Jahren viel versucht, das Training der Piloten umzustellen. Dadurch soll gesichert werden, dass sie ihre fliegerischen Grundfähigkeiten nicht verlieren, auch wenn sie sie nur selten üben können.

Dass der Air-Asia-Airbus also in einen "Stall" geraten ist, ist gesichert - auf dem Stimmenrekorder ist die automatische Warnung des Bordcomputers zu hören. Unklar ist aber immer noch, warum es so weit gekommen ist. Die Ermittler berichten zwar, dass der Co-Pilot, der zum Zeitpunkt des Unglücks geflogen ist, die Maschine durch Steuerimpulse hat steigen lassen, doch sie haben nichts dazu gesagt, wann genau und wie sehr. Der Jet war auf einer Höhe von 32 000 Fuß im Reiseflug, als die Besatzung wegen des schlechten Wetters die Flugsicherung bat, auf 38 000 Fuß steigen zu dürfen. Die Lotsen gaben QZ8501 aber nur die Genehmigung für 34 000 Fuß, dennoch stieg die Maschine auf bis zu 37 400 Fuß hoch, und zwar viel zu schnell.

Indonesian police remove tarpaulin from part of the tail of the AirAsia QZ8501 passenger plane in Kumai Port, near Pangkalan Bun

Indonesische Polizeibeamte entfernen die Plane von Teilen der Air-Asia-Maschine QZ8501.

(Foto: REUTERS)

Viel deutet darauf hin, dass eine automatische Schutzfunktion ausgeschaltet war

Die A320 ist wie alle modernen Airbus-Jets mit der sogenannten "Flight Envelope Protection" ausgestattet. Die Computer sind so programmiert, dass die Piloten (oder der Autopilot) eigentlich nicht selbst einen Strömungsabriss verursachen können, weil sie bestimmte Manöver nicht zulassen. Die Tatsache, dass es beim Flug QZ8501 dennoch so weit gekommen ist, deutet darauf hin, dass diese automatische Schutzfunktion ausgeschaltet war.

Die Flugsteuerung befindet sich bei Normalbetrieb im Modus "normal law". Bei Störungen kann er aber in "alternate law" oder "direct law" umschalten, dann stehen Funktionen wie Flight Envelope Protection nicht mehr zur Verfügung. Die Piloten werden über eine automatische Warnung informiert.

Daher ist nun zu klären, warum die Bordcomputer offenbar in einen degradierten Modus geschaltet haben. Dies kann alle möglichen Ursachen haben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete zuletzt von angeblichen Problemen mit den "Flight Augmentation Computers", die die Kontrollflächen des Jets automatisch feinjustieren. Airbus äußert sich öffentlich nicht zu den Vorgängen - und darf dies gemäß den internationalen Regularien bei Abstürzen auch nicht. Der Hersteller hat allerdings bislang kein sogenanntes Accident Information Telex (AIT) an die Fluggesellschaften geschickt, die die A320 betreiben. Dies wäre dann nötig, wenn ein Fehler aufgetreten wäre, der sich auch anderswo wiederholen könnte.

© SZ.de/olkl
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