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25 Jahre Katastrophe von Ramstein:"Ein schweres Trauma ist wie eine seelische Querschnittslähmung"

Verletzte, Hinterbliebene, Helfer: Das Flugtagsunglück von Ramstein hat viele Menschen traumatisiert. Die Psychologin Sybille Jatzko betreut diese Menschen noch heute, 25 Jahre nach der Katastrophe.

Am 28. August 1988 kollidieren auf der US-Airbase in Rheinland-Pfalz während einer Flugschau vor 350.000 Zuschauern drei Flugzeuge in der Luft, stürzen ins Publikum. Es gibt 70 Tote und hunderte Verletzte. Die Psychologin Sybille Jatzko betreut Hinterbliebene und Überlebende des Flugtagunglücks von Ramstein. Bis heute melden sich bei ihr Traumatisierte. Ein Gespräch über die richtige Nachsorge bei Katastrophen - und die Situation der Ramstein-Überlebenden heute.

SZ.de Wie geht es den Hinterbliebenen und Überlebenden von Ramstein heute?

Sybille Jatzko: Zum Jahrestag geht es den Leuten schlechter. Meistens fängt es am 1. August mit einer inneren Spannung an, die erst nach dem Jahrestag wieder abnimmt. Ein junger Mann sagte mir vor kurzem, dass er es kräftemäßig nicht mehr schaffe und keine ambulante Therapie machen könne, weil er sonst seinem Beruf und seiner Familie nicht gerecht werden könne.

Es waren 350.000 Menschen dabei. Wie viele davon sind betroffen?

Im Großen und Ganzen haben die Menschen ihren Weg gefunden und können mit den Belastungen umgehen. Am stärksten halten diejenigen zusammen, die ihre Kinder verloren haben. Diese Gruppe schweißt ein ganz enges Band zusammen, dabei sind enge Freundschaften entstanden. Die Gruppe ist offen, andere können jederzeit dazukommen. Wir haben zum Jahrestag 95 Anmeldungen von Hinterbliebenen und Überlebenden erhalten - das ist eine ordentliche Zahl.

Nach der Katastrophe von Ramstein haben sich Seelsorger zum ersten Mal nicht nur um die Hinterbliebenen, sondern auch um die Helfer und Einsatzkräfte gekümmert.

Ursprünglich hatte ich meine Konzentration auf die Hinterbliebenen gerichtet. Das erste Treffen war eine eindrucksvolle Erfahrung, denn es stellte sich heraus, dass hier Viele unterschiedlichen betroffen waren, von Angehörigen über Überlebende bis hin zu den Einsatzkräften.

Sybille Jatzko

Sybille Jatzko ist Gesprächstherapeutin und betreut neben den Überlebenden von Ramstein auch die Nachsorgegruppen der Massenpanik auf der Duisburger Loveparade 2010 und des Tsunamis in Südostasien im Jahr 2004.

(Foto: dpa)

Wie erlebten Sie die Einsatzkräfte?

Die Helfer konnten sich innerlich nicht auf das Szenario vorbereiten, das sie dort antrafen, und waren überrascht von dessen Heftigkeit. Nach Ramstein wurde uns zum ersten Mal bewusst, dass solche Erlebnisse mehr mit den Menschen machen, als wir dachten, und auch bei Helfern zu Traumatisierungen führen.

Die psychologische Katastrophennachsorge sieht heute anders aus als noch vor 25 Jahren. Was hat sich seit Ramstein verändert?

Sehr viel! Ich habe viele große Ereignisse bis zur Loveparade (Anm. d. Red. 2010 starben bei einer Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg 21 Menschen) begleitet. Früher haben die Betroffenen von Ersthelfern zu hören bekommen: "Das ist ja ganz furchtbar, was Sie erlebt haben, aber ich bin nicht dafür zuständig." Heute gibt es unmittelbar nach einer Katastrophe eine Hotline, Ombudspersonen, Krisenintervention sowie Notfallseelsorge. Dort haben die Hinterbliebenen und Verletzten einen Ansprechpartner, der sich um das kümmert, was der Betroffene in diesem Moment braucht. Nach der Loveparade haben wir auch eine Mail-Beratung eingerichtet, die sich bewährt hat.

Wie geht es dann weiter?

Dann gibt es die Nachsorgegruppen. Hinterbliebene, Überlebende und Helfer einer Katastrophe bilden verschiedene Schicksalsgemeinschaften. Diese Trennung hat sich bewährt. Es gibt Hinterbliebene, denen es schwer fällt, zusätzlich zu ihrer eigenen Belastung auch noch die Geschichten der Überlebenden zu hören. Anderen wiederum ist das sehr wichtig, um zu erfahren, was dort passiert ist. Denn am besten kann man mit etwas abschließen, wenn man die Wahrheit darüber kennt. Diese Nachsorgegruppen führen wir dann langsam zusammen. Nach Ramstein saßen wir von vornherein gemeinsam in einer Gruppe - damals wussten wir sehr wenig über Traumahilfe und haben uns über eine Trennung keine Gedanken gemacht.