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Zur Person:Ein Mann für alle Fälle

In jeder Lage überzeugend: Jörg Widmann.

(Foto: Studio Visuell)

Der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann

Von Michael Stallknecht

Gerade mal drei Wochen ist es her, dass die Landeshauptstadt München Jörg Widmann ihren alle drei Jahre vergebenen Musikpreis verliehen hat. Fast überfällig, könnte man sagen, bei einem, der nicht nur in München geboren ist, sondern in der Stadt immer wieder auch wichtige musikalische Akzente setzt. So brachte die Bayerische Staatsoper 2003 seine Oper "Das Gesicht im Spiegel" und 2012 "Babylon" auf einen Text von Peter Sloterdijk zur Uraufführung. Bereits als 17-jähriger Gymnasiast hatte Widmann ein Werk zur von Hans Werner Henze geleiteten Münchener Musiktheaterbiennale beigesteuert, später schrieb er Schauspielmusiken für die Kammerspiele unter Dieter Dorn.

Von Anfang an galt Widmann als doppeltes Wunderkind: als Klarinettist wie als Komponist, womit er die alte, in der Gegenwart nicht mehr selbstverständliche Einheit von interpretierendem und schaffendem Musiker verwirklicht. Dass er als Klarinettist mit den kanonischen Werken für sein Instrument auftritt und immer wieder auch dirigiert, hat sicher dabei geholfen, dass seine Wirkung nie auf die engeren Kreise der Neuen Musik beschränkt blieb. Großdirigenten und Großsolisten nehmen seine Kompositionen gern in ihr Repertoire auf, während Widmann selbst als Komponist immer wieder an die Tradition anknüpft. Nicht im Sinne einer Abwendung von zeitgenössischen Mitteln, die er virtuos zu integrieren weiß, sondern im Sinne eines wild lustvollen Anspielens auf Bestehendes. Wie etwa bei der Weiterverarbeitung Beethovenscher Motive in seiner Konzertouvertüre "Con brio", die er 2008 für das BR-Symphonieorchester und seinen damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons komponierte und die seitdem zu einem Klassiker des modernen Orchesterrepertoires geworden ist.

Widmann darf als musikalischer Mann für alle Fälle gelten, bei dem schon die unerschöpfliche Arbeitsenergie staunen lässt. So bekleidete er an der Musikhochschule Freiburg eine doppelte Professur für Klarinette und Komposition, auch als Redner und Autor zu eigenen Werken wie denen anderer Komponisten ist er gefragt. Sein Werkverzeichnis umfasst fast alle etablierten Gattungen von der Klaviermusik über Lied und Kammermusik bis hin zu riesenhaft besetzten Oratorien.

Ähnlich breit ist die Palette seiner Ausdrucksmittel, die sich bei ihm zum bisweilen überbordenden Stilmix einen: von verinnerlichten Klängen bis zu breiten Klangblöcken, von der sanften Ironie bis zum großen Pathos, vom Expressiven bis zum bewussten Einsatz des Banalen. Nicht umsonst huldigt seine Oper "Babylon", die die Berliner Staatsoper Unter den Linden 2019 in einer Neufassung vorstellte, der multikulturellen Metropole der Antike, in der auch ein "Bayerisch-Babylonischer Marsch" seinen Ursprung hat. In ihm zeigt sich wie andernorts in Widmanns Werk, dass er bei aller Betriebsamkeit etwas nicht vergisst, das weder in der zeitgenössischen noch in der klassischen Musik allzu verbreitet ist: den Humor.

© SZ vom 03.04.2021
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