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Zeichnungen und Karikaturen:Menschenskinder

Von der Isar nach Jerusalem: Die fabelhafte Welt der Gabriella Rosenthal in einer Ausstellung im Jüdischen Museum München

Bücher und Folianten, Drucke und Bildbände prägen ihre Kindheit. Im vom Großvater gegründeten, vom Vater geführten Antiquariat - einem der seiner Zeit führenden in München - wächst Gabriella Rosenthal auf. Hier vertieft sie ihr Kunstverständnis, hier schärft sie ihre künstlerischen und sprachlichen Talente, beherrscht schon als junge Frau neben Deutsch auch Englisch, Französisch und Italienisch. Doch nicht das geschriebene Wort, sondern gezeichnete Geschichten und Karikaturen von aktuellen gesellschaftlichen Zuständen sollen später zum Ausdrucksmittel von Gabriella Rosenthal werden.

1935 heiratet sie den Münchner Schriftsteller und Religionspublizisten Fritz Rosenthal, der sich bald Schalom Ben-Chorin nennt und als Religionswissenschaftler weltbekannt wird. Das Brautpaar - überzeugte Zionisten - zieht es nach der Hochzeit nach Palästina, wo sie sich in Jerusalem niederlassen. 1936 wird ihr Sohn Tovia Ben-Chorin geboren, der später erster liberaler Rabbiner Israels wird und 2009 bis 2015 an der Jüdischen Gemeinde Berlin amtiert. Gabriella Rosenthal arbeitet zeitweilig als Bildjournalistin für Zeitungen in Jerusalem. 1943 wird das Paar geschieden, und die unerschrockene, nun 30 Jahre alte Gabriella dient in der Luftwaffe der britischen Armee in Kairo. Nach ihrer Rückkehr nach Israel zeichnet sie in einer wöchentlichen Kolumne für die Palestine Post, später illustriert sie eine Esther-Rolle, arbeitet als Kunstlehrerin in arabischen Dörfern, begleitet als Reiseführerin ausländische Besuchergruppen durchs Land. 1975 stirbt Gabriella Rosenthal und wird in Jerusalem begraben.

"Ein schmaler Grat" nannte Gabriella Rosenthal diese Zeichnung, die am 15. November 1946 in der "Palestine Post" erschien.

(Foto: privat)

Nun widmet das Jüdische Museum in München ihr eine Sonderausstellung mit dem Titel "Von der Isar nach Jerusalem" und stellt ihr Gesamtwerk vor. Es ist eine in Zusammenarbeit mit der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum entstandene Werkschau. Im Mittelpunkt stehen die für die englischsprachige Zeitung The Palestine Post in den Jahren 1946 und 1947 entstandenen Karikaturen und Cartoons. Die heiter zugespitzten, nie wirklich bösen Darstellungen des Alltagslebens führen in eine Zeit, in der das friedliche Neben- und Miteinander der in Jerusalem lebenden Ethnien, Religionen und sozialen Schichten durch Generalstreiks, Kämpfe, Brand- und Bombenanschläge im Vorfeld der Teilung Palästinas und der Gründung des Staats Israel längst nicht mehr friedlich war.

Doch Gabriella Rosenthals philanthropischer Blick lässt sich nicht beirren. Nach einer Reihe von Terrorakten verfügt die britische Mandatsregierung die Umzäunung der Innenstadt von West-Jerusalem, wo in der Jaffa Straße die Anglo-Palestine-Bank und das zentrale Postamt liegen. Schnell erhält das mit Stacheldraht umzäunte Gebiet im Volksmund den Namen "Bevingrad" nach dem britischen Außenminister Ernest Bevin. Und mit dem ihr eigenen Humor zeichnet Gabriella Rosenthal das durch Personenkontrollen eingeschränkte, aber nicht zum Erliegen kommende geschäftige Leben diesseits und jenseits des Stacheldrahtzauns. In der Ausstellung ist die Zeichnung nicht nur als Original, sondern auch groß als Wandfries inszeniert.

Gabriella Rosenthal

Gabriella Rosenthal in ihrer bayerischen Heimat.

(Foto: privat)

Gezeigt werden zudem frühe journalistische Arbeiten und das "Kleine Jerusalemer Kaleidoskop", beides aus den Dreißigerjahren. Zu sehen sind die Illustration der Esther-Rolle von 1951, Spielkarten, ein Kochbuch und Sprichwörter, die sie illustrierte, sowie eine arabische Flugblattserie von 1948 - die einzige zeichnerische Arbeit mit dezidiert politischem Inhalt. Die Ausstellung führt nicht chronologisch durch das Leben der Zeichnerin Gabriella Rosenthal. Sie wirft Schlaglichter auf einzelne Bereiche. So erschließt sich nach und nach die "fabelhafte Welt" der Gabriella Rosenthal. Der Katalog dazu sei hiermit wärmstens anempfohlen.

Von der Isar nach Jerusalem. Gabriella Rosenthal (1913 - 1975) - Zeichnungen, Jüdisches Museum, St.-Jakobs-Platz 16, Di-So 10-18 Uhr, bis 2. August; Katalog "Es war einmal in Jerusalem. A very personal View: Zeichnungen. Drawings, Palestine / Israel 1938-1955" (Verlag Hentrich&Hentrich)

© SZ vom 23.05.2020

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