bedeckt München 31°

Zurück auf der Bühne:Mojo-Zauber im Industriegebiet

"Back on Stage": Im Wolfratshauser Industriegebiet rocken Ludwig Seuss mit Band und Gastmusiker Titus Vollmer aus Geretsried.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ludwig Seuss und Band begeistern im Wolfratshauser "Merkurdrome" mit Blues, Rockn'n Roll und musikalischem Talent

Von Arnold Zimprich, Wolfratshausen

Stefan Eckardt ist ein mutiger Mann. Trotz Corona und trotz der Ängste in der Bevölkerung organisiert der Mitt-Fünfziger auf dem Gelände der ehemaligen Druckerei des Münchner Merkur sein "Merkurdrome" getauftes Veranstaltungsformat. "Bis Ende Juli finden noch drei Konzerte statt", erklärt Eckardt am Eingang des Open-Airs am Hans-Urmiller-Ring, "am Sonntag haben wir von 15 bis 17 Uhr dazu immer Kinderprogramm".

Es ist ein notwendiges Engagement - nicht nur für die Kulturschaffenden, auch für die Kulturkonsumenten. "Es kann nicht sein, dass wir gar nichts mehr machen", sagt Eckardt, der etwas gegen die Corona-bedingt ausgedünnte Kulturlandschaft tut. Um die Abstandsregeln einhalten zu können, sind auf dem Boden vor der Open Air-Bühne Linien aufgemalt. Die Regeln zu befolgen, fällt auf dem weitläufigen Vorplatz leicht.

Nach dem intensiven Regen herrschen am Abend ideale Verhältnisse für ein Open Air-Konzert, die Bühne für Ludwig Seuss und seine Band ist bereitet. Seuss ist Keyboarder der Spider Murphy Gang, das bleibt heute Abend jedoch nur Randnotiz, denn der Virtuose präsentiert neben Eigenkompositionen ein Füllhorn an Songs von Blues- und Rock'n Roll-Interpreten wie Frankie Ford, Muddy Waters und Ray Charles.

Schon zu den ersten Tönen von Fords "Sea Cruise" wird im Publikum mitgeschunkelt, als Special Guest betritt schließlich San2, mit bürgerlichem Namen Daniel Gall, die Bühne - in weißer Lederjacke, Krokodillederschuhen und breitkrempigem Hut. Gall ist ein Virtuose an der Mundharmonika, singt Ray Charles "Get on the right track baby" und becirct das Publikum mit ekstatischen Tanzbewegungen. Und Seuss zaubert noch einiges aus seinem musikalischen Füllhorn. Schlagzeuger Peter Kraus reüssiert auch als Sänger, die Multitalente auf der Bühne bringen ein beeindruckendes musikalisches Bouquet zum Erblühen. Bei der Vielfalt des Dargebotenen vergisst man fast, dass Ludwig Seuss mit seiner Combo dieses Jahr auch auf dem Geretsrieder Kulturfestival aufgetreten wäre - würde es denn stattfinden.

Daniel Gall gibt Sonny Boy Williamsons "Help Me" auf eindringliche Art zum Besten, fast möchte man nach vorne und ihm tatsächlich zu Hilfe eilen, im Publikum spielt ein Mann dazu selbstvergessen Luft-Keyboard. Ludwig Seuss greift dann auch noch zum Akkordeon, der Abend hat längst eine beeindruckende Eigendynamik entwickelt - als schließlich der Wahl-Geretsrieder Titus Vollmer die Bühne betritt und das Septett mit den Klängen seiner Bluesgitarre bereichert. Vollmer hat seinen Sohn Victor mitgebracht, wie einst der Vater Stipendiat am Berklee College of Music in Boston und Vollblutmusiker.

Familie Vollmer verleiht dem Klang der Ludwig Seuss-Band einen neuen, erfrischenden Groove - "You Used To Call Me" von Clifton Chenier bekommt den dem Stück gebührenden Tiefgang. Chenier stammt aus Louisiana - und so sind immer wieder die Musikszene von New Orleans und der Blues Dreh- und Angelpunkt des Abends. Zu Junior Wells "Hoodoo Man Blues" können nur noch wenige die Füße stillhalten, Fats Dominos "I like the way you walk" ist nicht weniger tanzbar.

Der Lenggrieser Gitarrist Sebastian Schwarzenberger und Titus Vollmer verlieren sich immer wieder im Improvisieren, verschmelzen mit in ihren Instrumenten, es ergibt sich ein hinreißender Klangteppich, der sich über dem Wolfratshauser Industriegebiet ausbreitet - dann ist leider viel zu früh Schluss.

Mit Johnnie Johnsons "Drink of Tanqueray" und "I got my Mojo working" von Muddy Waters beschließt Ludwig Seuss einen Abend, der Hoffnung macht. Hoffnung, dass im Landkreis trotz Corona weiterhin musikalische Hochgenüsse dieses Kalibers zum Besten gegeben werden - und das sich, natürlich unter Einhaltung sämtlicher amtlicher Vorgaben, wieder mehr Menschen trauen, auf Konzerte wie dieses zu gehen.

© SZ vom 13.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite