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Zum Ärger der Gemeinde:Es ist doch ein Denkmal

Verstärkeramt Kochel Innenansicht

Das Treppenhaus wurde wahrscheinlich von Heinrich Tessenows Festspielhaus Hellerau inspiriert.

(Foto: Heiko Folkerts/OH)

Landesamt bewertet das Kochler Verstärkeramt

Das ehemalige Kochler Verstärkeramt ist ein Baudenkmal. Zu diesem Ergebnis kommt das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege. Wie es im Schreiben an die Gemeinde Kochel am See heißt, bildet das Gebäude "ein Dokument für die Modernisierung der Telefonkommunikation im Deutschland der 1920er Jahre". Diese habe Verstärker- und Selbst-Anschluss-Ämter erforderlich gemacht. Die Anlage aus Verstärker- und Selbst-Anschluss-Amt, Beamtenwohngebäude und Garagengebäude einschließlich Einfriedungsmauer habe "eine wichtige geschichtliche und künstlerische Bedeutung".

Begeistert zeigt sich Kochels Bürgermeister Thomas W. Holz (CSU) von dieser Entscheidung nicht, kommentieren will er sie aber auch nicht: "Das macht in der momentanen Situation keinen Sinn." Die Gemeinde wollte auf dem Areal 21 barrierefreie Wohnungen, Räume für Vereine und Obdachlose sowie den gemeindlichen Bauhof errichten. Für diese Planungen hatte der Gemeinderat einstimmig einen Bebauungsplan beschlossen. "Sehr oft haben mich in den vergangenen Wochen Bürger angesprochen und diese sinnvollen Pläne gelobt. Einige wollten sogar schon barrierefreie Wohnungen reservieren", berichtet der Bürgermeister. "Überall fehlt bezahlbarer Wohnraum, und genau den wollen wir hier schaffen." Den Vorwurf, dass die Gemeinde nichts für Baudenkmäler übrig habe, weist er zurück. Das Verstärkeramt sei bislang weder in offiziellen noch inoffiziellen Denkmallisten geführt worden: "Nur deswegen haben wir das Areal überhaupt gekauft und die Planungen vorangetrieben." Außerdem beweise die Gemeinde mit Investitionen in höheren sechsstelligen Summen in die denkmalgeschützten Gebäude wie den Kochler Bahnhof und das ehemalige Schusterhaus, dass "uns erhaltenswerte Denkmäler wichtig sind", so Holz. Der Bürgermeister kündigt an, die Gemeinde werde jetzt erst einmal sehr gründlich prüfen, was diese Entscheidung für ihre Vorhaben bedeute.

Das Verstärkeramt in Kochel von 1927 zählt zu den traditionellen und im Reformstil der Münchner Schule gestalteten Zweckbauten der Post. Bemerkenswert sind die Detailausbildungen der sonst schlicht gehaltenen Baukörper, die Gesimse, Fensterläden und Dachüberstände, die gut proportionierten Satteldächer, das Formenspiel der Fenster und Türen sowie die Verwendung von Natursteinen. Im Inneren kommen Messinghandläufe und ebensolche Türklinken zum Einsatz. Das großzügige Treppenhaus des Amtsgebäudes wurde wahrscheinlich von Heinrich Tessenows berühmtem Festspielhaus der Gartenstadt Dresden-Hellerau (1911) inspiriert. Die Schmiede- und Spenglerarbeiten sowie die Fresken und Reliefs an den Fassaden stammen von namhaften Künstlern wie Fritz Schmoll (genannt "Eisenwerth") oder Georg Demmel, Kunstmaler aus Königsdorf.

Die Architekten des Verstärkeramts waren Robert Vorhoelzer und Franz Holzhammer, der von 1930 an Leiter des Baureferats der Oberpostdirektion war; außerdem Schüler von Theodor Fischer und Friedrich von Thiersch. Beteiligte Architektin war Hanna Löv, die erste Regierungsbaumeisterin in Bayern. Auch das benachbarte Postamt in Kochel, realisiert von Holzhammer und Löv, ist ein typisches Beispiel der Postbauschule. Es wurde in der Zeitschrift "Baumeister" (9/1940) veröffentlicht.