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Wolfratshauser Geschichte:Ein ganzes Jahr des offenen Denkmals

Da brummte es im Wolfratshauser Markt, als das Isarkaufhaus 1966 eröffnet wurde. Damalige Angestellte erinnern sich, dass sich die Kunden so gierig auf das Angebot stürzten, dass sie sich zerbrechliches Geschirr etwa nicht einmal einpacken ließen. Heute ist das Gebäude eine halb abgerissene Ruine.

Der Historische Verein lässt in Wolfratshausen Erinnerungen ans ehemalige Isarkaufhaus wach werden. Familie Holthaus erzählt von den Anfängen und glaubt an die Wiederauferstehung aus Ruinen.

Von Susanne Hauck

"Als ich das Isarkaufhaus zum ersten Mal gesehen habe, war es eine Ruine", sagt Elfriede Rupp und merkt treffsicher an: "Und jetzt ist es wieder eine." Die Verkäuferin der ersten Stunde hatte sich 1965 von ihrem Chef überreden lassen, in Wolfratshausen anzufangen. Auch am Sonntag, zum "Tag des offenen Denkmals", hat sich die gepflegte alte Dame einen Besuch nicht nehmen lassen und ist sichtlich gerührt, Kaufhausgründer und Seniorchef Otto-Ernst Holthaus und dessen Sohn und Nachfolger Frederik Holthaus wiederzusehen.

Zum Isarkaufhaus und seiner historischen Gebäude hatte der Historische Verein Wolfratshausen im Innenhof des Rathauses ein auf reges Interesse stoßendes Programm zusammengestellt, das Corona wegen mehrmals hintereinander stattfinden musste. Auch wenn das Isarkaufhaus seit acht Jahren geschlossen ist und seit 2019 als Ruine die Altstadt verunziert: Ein Nachmittag genügte, um die nostalgischen Gefühle rund um dieses Warenhaus wieder aufleben zu lassen, das über Jahrzehnte als Einkaufsmagnet die Kleinstadt entscheidend prägte.

Die von der Familie Holthaus liebevoll mit vielen Fotos und Werbeprospekten von anno dazumal garnierte Freiluft-Ausstellung in der Rathaus-Passage trägt dazu wesentlich bei. Erinnerungen werden bei den Besuchern wach. An die unvergessene Flößerstube etwa, in einem Zeitungsausschnitt gelobt als "behagliche und moderne Gaststätte, wo die Gäste in rustikaler Umgebung ihr Bier trinken können" und wo die Speisekarte der frühen Siebzigerjahre Schmankerl wie die "Flößergrillplatte" und unschlagbare Preise wie eine Mark zwanzig für die Portion Pommes frites bereithält. "Die Stadt hat den Tag des offenen Denkmals abgeschafft, weil es stattdessen ein ganzes Jahr des offenen Denkmals gibt", witzeln Wiggerl Gollwitzer und Annekatrin Schulz bei der Eröffnung und spielen auf den Teilabbruch des Gebäudes 2019 an.

Der historische Verein Wolfratshausen erinnert am Tag des offenen Denkmals an die neue Wolfratshauser Ruine, also das ehemalige Isarkaufhaus.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Vereinsvorsitzende Sibylle Krafft will von Kaufhausgründer Otto-Ernst Holthaus wissen, wie es ihm beim Betrachten der alten Bilder geht. "Es war eine andere Zeit, eine glückliche Zeit, als ich damals nach Wolfratshausen kam", sagt der immer noch rüstig wirkende frühere Unternehmer und erzählt, wie er mit den Eigentümer Hans Hugo das Geschäft abschloss, in dem es hieß, er könne zwar einen Mietvertrag von 30 Jahren haben, aber müsse alles eigenhändig aufbauen. "Auf Handschlag habe ich eine Million Mark von der Bank erhalten", erinnert er sich mit Stolz.

Davor sind Ausschnitte des Isarkaufhaus-Films zu sehen, den der Ickinger Filmemacher Rüdiger Lorenz anlässlich des 50-jährigen Jubiläums 2016 gedreht hat. Der Streifen erzählt davon, wie Holthaus, nachdem er 1964 schon ein Kaufhaus in Pasing eröffnet hat, sich 1965 in Wolfratshausen umschaute. "Damals hingen an den Türen der Geschäfte noch Gardinen, damit man ja nicht ins Haus hineinschauen kann", kommt er im Film zu Wort. "Das Isarkaufhaus brachte einen riesigen Aufschwung in den Markt, es kamen zu uns durchschnittlich 800 Kunden am Tag."

Am Eröffnungstag am 30. März 1966 stürzten sich die Kunden so gierig auf das Angebot, dass sie sich zerbrechliches Geschirr etwa nicht einmal einpacken ließen, sondern die Teller einfach so in die Einkaufsnetze stopften, blickt Verkäuferin Erika Gruber im Film zurück. Und bald schon brachen moderne Zeiten an: Es wurden die ungeliebten Kittelschürzen fürs Personal abgeschafft, alle 14 Tage mussten die Modepuppen umgezogen werden, jährlich gab es Modeschauen mit Stargästen wie Roberto Blanco in der Loisachhalle oder sogar in der Diskothek "Turm".

Firmengründer Otto-Ernst Holthaus (rechts) war mit seinem Sohn Frederik Holthaus ebenso vor Ort.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

2012 sei "schweren Herzens" die Entscheidung gefallen, das Geschäft zu schließen, nachdem sie sich die hohe Miete nicht mehr leisten und nicht mehr kostendeckend wirtschaften hätten können, sagt Frederik Holthaus, der Chef der verbliebenen Isarkaufhaus-Filiale in Geretsried. "Was wünschen Sie dem Haus?", hakt Vereinsvorsitzende Sibylle Krafft nach. Holthaus hofft auf eine baldige Einigung zwischen den Eigentümern und den Nachbarn. Es werde der Tag kommen, "an dem der Kran kommt", ist er sich sicher. "Ich hoffe, dass das neue Gebäude in zehn Jahren dasteht."

Auf die Grünwalder Investoren lässt er nichts kommen: "Die Scherbaums sind professionelle und gute Investoren und haben ein gutes Konzept." Dass sie die alte Fassade wiederaufbauen wollen, begrüßt er sehr. "Und dann soll wieder groß 'Isarkaufhaus' draufstehen", wünscht sich Elfriede Rupp.

© SZ vom 14.09.2020

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