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Wettbewerb in der Alten Madlschule:Prahlen nach Zahlen

Beim Poetry Slam küren die Zuschauer mit Noten den besten Dichter

Von Petra Schneider, Bad Tölz

In der Alten Madlschule geht es am Samstagabend zu wie in einer Boxhalle: Leute schwitzen, die Stimmung ist wie elektrisiert, noch in den kleinsten Winkel wird ein Stuhl gestellt. Ob die Bude so voll ist, weil es die Madlschule womöglich bald nicht mehr als Kulturstätte geben könnte? "In den nächsten zwei Jahren wird nicht viel passieren", beruhigt Lust-Chef Sepp Müller die 90 Leute im Publikum. "Da geben wir noch mal richtig Gas." Am Samstag also mit einem besonderen Event, einem Poetry-Slam, bei dem Worte-Ringer um die Gunst des Publikums kämpfen.

Zum vierten Mal veranstalten Mic Mehler und Christoph Hebenstreit vom "Reimrausch-Team" einen Dichterwettstreit in der Madlschule. Inzwischen ist diese besondere Form, die seit Mitte der 90er-Jahre im deutschsprachigen Raum bekannt ist, "vom Underground in den Mainstream aufgestiegen", sagt Mehler, der wie Hebenstreit hauptberuflich Mediengestalter ist. Die beiden organisieren seit fünf Jahren Slams in Weilheim, Ebersberg, Erding und Landshut. Das Tölzer Publikum ist offenkundig Slam-erprobt. Trotzdem erklären die beiden Moderatoren kurz die Regeln: Nur eigene Texte dürfen vorgetragen werden, die höchstens sechs Minuten dauern. Requisiten sind nicht erlaubt, auch keine Haustiere, wie Mehler zur Sicherheit anfügt. Die Reihenfolge wird ausgelost. In formaler Hinsicht gibt es keine Einschränkung: Lyrik oder Prosa, Gereimtes oder Gerapptes. Eine sechsköpfige Jury, die Hebenstreit zuvor aus dem Publikum ausgewählt hat, vergibt Wertungsnoten auf einer zehnstufigen Skala und bestimmt die drei Finalisten. Den Sieger kürt das gesamte Publikum über die Stärke des Applauses.

"Große Mädchen weinen nicht": Maron Fuchs gewinnt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Am Samstagabend ist ein Großmeister des Poetry-Slams nach Tölz gekommen: Der Tscheche Jaromir Konecny, Buchautor und seit 25 Jahren auf Slam-Bühnen unterwegs. Der 59-Jährige performt zwei Geschichten zum Aufwärmen, die er mit tschechischem Akzent und prägnanter Satzmelodik vorträgt. Amüsantes und Verrücktes, sogar eine Sexgeschichte, die Konecny aber ob einiger minderjähriger Zuschauer zu einer "relativ anständigen Erotikgeschichte" entschärft. Titel: "Das Vorspiel". Das heizt die Stimmung in der Madlschule natürlich weiter an - und das, noch ehe alle sieben Wettstreiter, darunter drei Frauen, in den Ring gestiegen sind. Vor allem junge Leute finden in dieser Form offenkundig eine Ausdrucksmöglichkeit. Denn der Reiz eines Poetry Slams liegt in der unmittelbaren Interaktion mit dem Publikum, und nicht nur der Inhalt sondern auch die Performance zählt.

Es gibt etwa eine gerappte Erlkönig-Version in Falco-Manier von Mani Eder. Oder Politisches von Basti Schoof aus Wien, der in der Figur des neoliberalen Kapitalisten "Flüchtlingsfonds" anpreist. Die Siegerbeiträge kreisen um das Thema Selbstfindung: Konformität und Individualität, Schubladen und Normen versus kreatives Anderssein. "Die Normalität ist ein Weg aus Asphalt", finden Anni Hengst und Basti Brenner aus Regensburg, die als Duo "Gemeinsam anders" auftreten. Sie werden vom Publikum zum dritten Sieger gekürt. Beeindruckend ist der Beitrag des 26-jährigen Friedrich Herrmann aus Jena, der den zweiten Platz belegt: ein Plädoyer für eine Kultur der Fehlertoleranz und gegen ängstlichen Relativismus. "Leute, die keine Fehler machen wollen, schenken Gutscheine."

Anni Hengst und Basti Brenner werden Dritte.

(Foto: Wolfsbauer)

Am meisten überzeugt das Publikum aber eine junge Studentin aus Bamberg: die 20-jährige Maron Fuchs, die ihre gereimten Texte in flottem Tempo vorträgt. Ihr Thema: Perfektionismus und Funktionieren müssen, "große Mädchen weinen nicht, sie erfüllen ihre Pflicht". Dagegen steht die Sehnsucht nach kindlicher Unbeschwertheit und Emotionalität. Fuchs findet dafür eine schöne Metapher: "Eine saure Gummischlange, von zwei Seiten essen und sich in der Mitte treffen."

© SZ vom 22.02.2016

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