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Wackersberg:Entdeckungsreise mit Blechpfeiferl

Das Quintett: Christoph Müller, Martina Eisenreich, Vladislav Cojocaru, Giorgi Makhoshvili (v. l.). Nicht im Bild: Wolfgang Lohmeier am Schlagwerk.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Jazziges Weihnachtskonzert mit dem Martina-Eisenreich-Quintett im ausverkauften Saal des Kramerwirts

Die kleine Flöte, das "Blechpfeiferl", das in Irland alle Kinder spielen, spalte die Band in zwei Lager, erklärt Martina Eisenreich dem Publikum am vierten Adventsabend im knallvollen Saal beim Kramerwirt. "Das eine Lager bin ich! Und wenn ich nach dem Konzert meine Sachen einpacke, fehlt wundersamerweise immer die Flöte ..." Da ihre Jungs diese gerne an die Fans zu verschenken pflegten, habe sie jetzt immer einen ganzen Satz Flöten dabei - zum Verkaufen. "Das ist mittlerweile unsere Haupteinnahmequelle", scherzt die Geigerin mit der wilden, roten Löwenmähne, die einen angenehm direkten Umgang mit dem Publikum pflegt, ohne dabei distanzlos zu sein.

Ihre Jungs, das sind Christoph Müller an der Gitarre, Vladislav Cojocaru am Akkordeon, Giorgi Makhoshvili am Kontrabass und Wolfgang Lohmeier am - interessant bestückten - Schlagwerk. Die fünf seien nun schon das vierte Mal bei KKK Lenggries zu Gast, hat dessen Organisatorin Sabine Pfister eingangs erklärt, und immer wieder eine Ohren- und Augenweide. Was sie damit meint, wird schnell klar.

Eisenreich, im weiten, bodenlangen schwarzen Kleid mit Glitzer, steht inmitten ihrer Musiker, wirft die roten Locken und wendet sich beim Spielen interagierend dem einen oder anderen zu. Das akustische Vergnügen geht über das optische aber weit hinaus: Das Quintett hat einen ganz eigenen Sound kreiert, steigt meist mehr mit Geräuschen als mit richtiger Musik ein, baut damit eine unglaubliche Spannung auf, die sich dann, wenn's richtig los geht, entladen beziehungsweise intensivieren und steigern kann. So nimmt jede Nummer die Hörer mit auf eine Entdeckungsreise.

Gleich das Eingangsstück bringt einen leisen, betörenden Dialog zwischen Geige und Kontrabass, zarte Flügelschläge des Schlagwerks kommen hinzu, Gitarre und Kontrabass schleichen sich leise in den Klang hinein. Das wirkt wie ein Spaziergang im winterkalten, froststarren Wald, wo der Schnee alle Geräusche dämpft und ein unwirkliches Licht erzeugt. Wie eine keltische Zauberin steht Eisenreich im Zentrum und scheint das Geschehen unmerklich zu dirigieren.

Dann kippt die Stimmung, wird lustig und ausgelassen, so als habe der Winterwanderer das lärmende Wirtshaus aufgesucht, um sich dort wieder aufzuwärmen. Ein ausuferndes Schlagzeugsolo verkörpert das pralle Leben, kraftvolle Freude bringt der Kontrabass ins Spiel, ehe die Geige wieder die Führung übernimmt. Mit ähnlichen Kontrasten arbeiten auch die folgenden Nummern. Der Zuhörer, der sich voll darauf einlässt, durchschreitet alle möglichen Gefühlswelten und darf gleichsam eine Katharsis erleben, also die Befreiung von seelischen Konflikten durch deren emotionale Durcharbeitung.

Ein weiterer schöner Effekt: Durch Eisenreichs Art der stark kommunizierenden Interpretation teilt sich der organische Prozess des Miteinander-Musizierens dem Publikum nachvollziehbar mit. Das Ensemble spielt dabei lustvoll mit allen möglichen Stilen und Formen. Einmal wird es gar orientalisch: Eine flirrende Geige, flatternde Kontrabasstöne, exotisch-fremde Gitarrenklänge, darunter ein zupackendes Schlagwerk, darauf düster-geheimnisvolle Weisen des Akkordeons. Wieder ein absolut packender Einstieg, der sich zu einer zarten, melancholischen Melodie entwickelt, fremdartig bezaubernd.

Dann wird die Gitarre zunehmend perkussiv, der Kontrabass gibt einen wilden Rhythmus vor, temperamentvoll steigt die Geige ein: Ein toller Sog entsteht, der den Hörer mitzieht. Und die eingangs schon erwähnte Flöten-Nummer lässt Martina Eisenreich mit lieblichsten Tönen zur Elfenkönigin werden: Aus sphärischen Klängen erwächst eine sehnsuchtsvolle Melodie, die sich weithin spannt, losgelöst - als flöge man über glitzerndes Wasser dahin. Der Flug mündet in einen wilden, ausgelassenen Tanz.

Das Publikum steht in der Lager-Frage übrigens eindeutig auf Martina Eisenreichs Seite.