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Wackersberg:"A bisserl was geht immer"

Kabarettist Christian Springer Lesung „Landesvater, cool down"

Mehr Sachlichkeit und Differenzierung wünscht sich Christian Springer in der Flüchtlingsdebatte. Der Landesvater hat ihm noch nicht geantwortet.

(Foto: privat)

Christian Springer setzt als Flüchtlingshelfer auf das "Monaco-Franze-Gen" in seinem Erbgut - und auf seine Sturschädeligkeit. Am Donnerstag liest er in Arzbach aus seinem Brief an Horst Seehofer

Christian Springer pendelt zwischen zwei Welten: Mehr als 30 Mal hat der 52-jährige Kabarettist aus München Syrien bereist. Seit 2012 engagiert er sich mit seinem Verein Orient-Helfer im Libanon für Flüchtlinge. Vor einem halben Jahr hat er einen offenen Brief in Buchform an Horst Seehofer geschrieben. Der Titel: "Landesvater, cool down".

SZ: Hat Horst Seehofer Ihnen schon geantwortet?

Christian Springer: Nicht persönlich.

Würden Sie Ihrem Brief mittlerweile einen Absatz hinzufügen wollen?

Ich könnte ihm zehn Absätze hinzufügen, in den vergangenen Monaten ist viel passiert. Aber an der Grundtendenz hat sich nichts geändert.

Die Flüchtlingskrise in Deutschland hat sich entschärft.

Die Krise hat sich verlagert. Dass das so kommen würde, hätte ich schon vor eineinhalb Jahren prophezeien können. Und dennoch bin ich geschockt, dass man Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt - wenn das Urlauber aus Südbayern wären, was würde man in Bewegung setzen! Und ich bin geschockt, mit welcher Emotionalität man Flüchtlingen hierzulande begegnet: Da wird genölt, lamentiert und gehetzt. Es ist wahr: Derzeit kommen viele Fremde zu uns, und es gibt zu wenig Wohnungen - auch für unsere eigenen Leute. Deshalb wären Sachverstand und beherztes Handeln nötig. Stattdessen dieses Hauen und Stechen.

Am Donnerstagabend treten Sie im Arzbacher Kramerwirt auf, am Donnerstagmorgen sind Sie noch als Orient-Helfer in Beirut. Wie ist das Leben dort gerade?

Skurril: Eine Stadt am Meer bei sommerlichen 25 Grad, nachts dröhnt die Party durch die Innenstadt. Aber in den Seitengassen häufen sich die bettelnden Kinder. In und um Beirut in den Bergen hausen 1,5 Millionen Flüchtlinge, die nicht arbeiten dürfen. Von den Hilfszahlungen kommt fast nichts bei ihnen an. Sie verhungern nicht, aber sie leben unter Verhältnissen, für die es nur einen Ausdruck gibt: Menschenunwürdig. Wenn ich auf den Wetterbericht schaue, habe ich mittlerweile automatisch einen Lagebericht vor Augen: Regen am Mittelmeer heißt Verschlammung der Camps. Die Leute haben alle nur ein Paar Schuhe. Zwei Wochen Regen bedeutet: Zwei Wochen durchnässt sein.

Was genau tun Sie derzeit im Libanon?

Zum einen bereite ich die Ankunft von Feldküchen der Bundeswehr vor. Für die sind wir dankbar, weil die Leute das wenige Geld, das sie haben, dann nicht fürs Essen ausgeben müssen. Zudem sinkt damit auch die Brandgefahr in den Zelten. Und nicht zu vergessen: Einige Frauen und Männer bekommen Arbeit, eine Aufgabe: Sie müssen sich um die Einkäufe und das Kochen kümmern. Das zweite große Projekt ist der Aufbau einer Handwerkerschule. Für 17- bis 24-Jährige gibt es ja keinerlei Angebote, und das sind diejenigen, die ihre Heimat wieder aufbauen sollen. Wir wollen zum Beispiel Schreiner ausbilden. Nicht alle Häuser in Syrien liegen in Schutt und Asche, aber Hunderttausende Türen wurden von den Militärs eingetreten. Das kann man relativ einfach reparieren, da wollen wir ansetzen. Der Freistaat hat uns für die Schule 400 000 Euro gespendet.

Doch eine Antwort von Herrn Seehofer?

Nein, das hat zum Glück nichts damit zu tun, ob dem Ministerpräsidenten das, was ein kritischer bayerischer Kabarettist sagt, gefällt oder nicht. Die Staatsregierung weiß, dass sie mit uns vertrauensvoll zusammenarbeiten kann. Wir sind ein kleiner Verein mit 25 Mitgliedern. Unsere Verwaltungskosten lagen 2014 bei 1,4 Prozent - erlaubt wären 30.

Als Orient-Helfer sind Ihnen kabarettistische Stärken - Schlagfertigkeit, Scharfsinn, Wortwitz - vermutlich wenig hilfreich. Woher wissen Sie, wie man Schulen baut oder Trinkwasser bereitstellt?

Der Trick besteht darin, sich vertrauensvolle Leute zu suchen, die so etwas können. Und dann profitiere ich durchaus von einer gewissen kabarettistischen Sturschädeligkeit: Da muss doch etwas gehen! Der Monaco Franze würde sagen: A bisserl was geht immer. Dieses Monaco-Franze-Gen trage auch ich in mir, auch wenn ich mich nicht auf Affären, sondern auf humanitäre Hilfe beziehe.

Und wie schafft man es, angesichts all des Elends nicht den Humor zu verlieren und zum Zyniker zu werden?

Zynismus ist mir schon immer fremd gewesen. Es fließen viele Tränen vor Ort, das will ich nicht verhehlen. Aber die Flüchtlinge selbst haben ihren Lebensmut nicht verloren. Dort wird unglaublich viel gelacht.

Wie reagiert das Publikum auf Ihre Lesungen? Sind die Leute enttäuscht, wenn es nicht witzig ist?

Viele wissen mittlerweile, dass sie kein Pointen-Marathon erwartet. Ich habe trotzdem viele skurrile Dinge zu erzählen. Wenn wir von Flüchtlingen verlangen, sich zu integrieren, müssen wir uns erst einmal mit uns selbst beschäftigen. Und dann stellt sich zum Beispiel heraus, dass die bayerischen Bierzelte von den Türken erfunden wurden.

Fordern Ihre Gäste Sie heraus, diskutieren sie mit Ihnen?

Ausländerfeinde sitzen nicht bei mir drin. Aber manche sind skeptisch oder haben Angst, ihre Enkelin ins Hallenbad gehen zu lassen. Da hilft nur Sachlichkeit, das genaue Hinschauen. Und darum geht es mir auch: Die Leute dazu zu animieren, genauer hinzuschauen.

Wen hätten Sie am Donnerstag gerne im Publikum sitzen?

Den syrischen Präsidenten. Dann wäre er endlich raus aus dem Land.

Was möchten Sie mit diesen Lesungen erreichen?

Ich weiß, was ich erreiche: Das sagen mir die Leute selbst, all die Ehrenamtlichen aus den Helferkreisen, die einen Großteil der Integrationsarbeit leisten. Sie sagen: Schön, dass Sie da sind. Ihnen will ich ein Stück Solidarität und Kraft auf den Weg geben. Das verändert nicht die Welt, aber es ist eine Art des Händereichens.

Ein schönes Schlusswort.

Nicht ganz, weil ich noch etwas loswerden muss: Am Donnerstag gibt es eine Premiere. Ich lese und erzähle an diesem Abend nicht alleine, sondern bringe die zukünftige bayerische Ministerpräsidentin mit.

Wen bringen Sie mit?

Die Ilse Aigner, also die vom Nockherberg, also die Angela Ascher. Die ist absolut prädestiniert dafür, in dieser Sache ein Wörtchen mitzureden.

Donnerstag, 28. April, 20 Uhr, Kramerwirt, Hauptstraße 22, Arzbach, Karten zu 16 Euro unter Tel. 08042/91 24 65 oder sabine@kkk-lenggries.de