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VHS-Vortrag:Argumente gegen rechte Hetze

Stammtisch in der Gaststätte "Isarthor" in München, 2013

Wer sich am Stammtisch gegen populistische Parolen wehren will, sollte am besten nachfragen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dozent Christian Boeser-Schnebel liefert Techniken, um wachsendem Populismus wirksam entgegenzutreten

Neulich in einem Geretsrieder Supermarkt: Eine alte Frau sieht eine Muslimin mit Kopftuch und fängt an zu geifern. Beleidigt sie aufs Gröbste, schimpft "raus aus Deutschland". Eine andere Frau hat das miterlebt und fragt sich, wie sie jetzt reagieren soll: Die Alte mal so richtig zusammenstauchen? Die Polizei rufen? Am Ende hat sie nichts getan. "Von meiner eigenen Sprachlosigkeit bin ich erschreckt gewesen", sagt sie. Damit sich das ändert, sitzt sie in dem Volkshochschul-Vortrag "Argumentationstraining gegen Stammtischparolen und Populismus" in der Geretsrieder Stadtbibliothek.

Neben ihr sitzen 20 andere Teilnehmer, die das ebenfalls schon erlebt haben: rechte, bestenfalls dumme Sprüche wie "Die Flüchtlinge kriegen alles bezahlt", "Die Politiker machen sowieso, was sie wollen" oder "Es gibt zu viele Ausländer bei uns". Clemens Irmer möchte auf solchen Populismus Antworten geben können, ebenso wie Schüler Laurin Bauer. Elli Wilfling wünscht sich, mehr Mut zu bekommen, und eine weitere Teilnehmerin hat an sich beobachtet, dass sie solchen Rednern immer mehr aus dem Weg geht. Dozent Christian Boeser-Schnebel hat drei verschiedene Methoden, wie man Stellung beziehen kann. Und zwar ohne dass sich die Fronten verhärten, darum geht es ihm. Die erste Technik nennt er "interessiertes Nachfragen", die zweite "notwendiges Distanzieren", und die dritte ist eine Analyse.

Für die oben beschriebene Situation im Supermarkt empfiehlt er Methode zwei, das notwendige Distanzieren. Wenn verbal eine rote Linie überschritten sei, solle man das Gesagte wiederholen, in etwa: "Habe ich richtig mitbekommen, dass Sie gerade "Scheiß-Muslime" gesagt haben?" Dann ein Gefühl ausdrücken: "Das finde ich hier im Geschäft nicht passend." Schließlich einen Wunsch formulieren: "Bitte lassen Sie das." Für den Dozenten an der Augsburger Uni ist das "eine simple Technik, mit der man anstatt sprachlos zu bleiben, Grenzen aufzeigen und sich klar positionieren kann. "Vor allem, wenn man auf die Schnelle keine Argumente hat."

Auch die Nachfrage-Technik beschreibt er an einem konkreten Beispiel. Wirft etwa einer den Spruch "Die Flüchtlinge wollen sich nicht integrieren" in die Stammtischrunde, könne man einhaken: "Warum wollen sie das deiner Meinung nach nicht tun?" Und einen weiteren Kniff aus dem Argumentationstraining nachschieben, einen so genannten "Weichmacher": "Ich habe das noch nicht verstanden - was meinst du denn damit?" Das sei besser als zu versuchen, den anderen mit Gegenargumenten "platt zu machen". Denn für Boeser-Schnebel geht es darum, offen zu sein für die Perspektive des anderen, um im Dialog zu bleiben. "Lassen Sie sich auf das Gespräch ein, auch wenn der andere Parolen drischt", ist sein Rat. "Fragen Sie nach und geben Sie ihm das Gefühl, seine Meinung zu respektieren." Je mehr man nachfrage, desto größer sei die Chance, dass die platten Sprüche "zerbröseln" und in einem differenzierteren Gespräch enden. Vor Rechthaberei ist niemand gefeit: "Jeder glaubt, auf der guten Seite zu stehen." Da müsse man sich auch an der eigenen Nase fassen.

Eine Teilnehmerin, die sich für Geflüchtete engagiert, erzählt ein weiteres Beispiel: Auf die Nachricht, dass eine Familie abgeschoben werden soll, hätten Bekannte mit dem Satz reagiert: "Die sollen ruhig nach Hause gehen." So herzlos habe sie das gefunden, dass sie wütend nach Hause gegangen sei und weiteren Kontakt vermieden habe. Genau das sei das Problem, sagt Boeser-Schnebel. Anstatt sich in die "emotionale Echokammer" zurückzuziehen, solle sie lieber versuchen, sich noch einmal auf einen Kaffee zu treffen und nachzufragen. "Wie siehst du das wirklich?"

Mehr als zwei Stunden lang versorgt der Dozent die Zuhörer in Geretsried mit viel psychologischem Unterbau zu den zwischenmenschlichen Kommunikationsproblemen und mit praktischen Methoden. Die finden Anklang: Schüler David Bauer ist seit sieben Jahren bei den Mediatoren des Geretsrieder Gymnasium.s Auch sie arbeiten mit dem Nachfragen. "Das funktioniert wirklich", hat er die Erfahrung gemacht.